von Cornelia Kutter
„Schatz, schon Napoleon hat gesagt: ‘es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie.‘“
“Ha, ha, das Zitat stammt aus 1814 und soll eine Fälschung sein!“
Sind wir zu gutgläubig?
Da hat es also schon im frühen neunzehnten Jahrhundert mit den Vorurteilen über uns Deutsche angefangen. Obwohl, wo der Erfinder des Zitats recht hatte, hatte er recht. Gerade habe ich während dieser wahnsinnigen Hitzeperiode von einem Nachrichtensprecher den Satz gehört: es sei der kälteste Sommer – für den Rest unseres Lebens. Solche Aussagen werden doch im Allgemeinen als wahr empfunden, obwohl sie so nicht stimmen. Immerhin ist das Wetterphänomen El Niño für die derzeitige Situation verantwortlich, und das hat es früher auch schon gegeben. Der Sprecher geht wohl davon aus, dass die Rodung der Regenwälder, die Garant für weltweit stabiles Klima sind, weiter fortschreitet. Dann wird die Aussage sicher wahr werden. Hier spielt also noch eine andere Eigenschaft von uns mit.
Sind wir Miesepeter?
Mein alter italienischer Freund Claudio meinte einmal: “Warum seid ihr immer so schlecht drauf? Bei allem, was eventuell sein könnte, geht ihr von dem Schlimmsten aus. Das war bei dem Ozonloch so, wie auch bei Corona. Ihr habt da Toilettenpapier und Nudeln gehortet, weil es euch nur um das nackte Überleben ging. Wir haben uns mit Rotwein und Kondomen eingedeckt, weil wir wenigstens Spaß in der schlimmen Zeit haben wollten. Und jetzt wird euch ständig empfohlen, Vorräte für zwei Wochen zu bunkern, weil man ja nie weiß, ob nicht gleich ein neuer Weltkrieg ausbricht oder die Russen das gesamte Stromnetz lahmlegen. Bei uns interessiert sich dafür keine Sau.“
Alles negativ, oder nur eine andere Sichtweise?
Auch im täglichen Leben versteht Claudio vieles nicht. So will er in seiner Mittagspause Siesta halten und nicht innerhalb einer halben Stunde ein warmes Mittagessen herunterschlingen. Dahingegen essen wir möglichst nicht nach 18 Uhr Abendbrot. Irgendwer hat uns das dringend empfohlen, weil zu spätes und üppigeres warmes Essen am Abend der Gesundheit abträglich ist. Komisch, dass das unsere südlichen Nachbarn völlig anders sehen und auch kein bisschen kränker sind, als wir. Lustig findet er auch, dass wir brav an einer roten Ampel warten, selbst dann, wenn weit und breit kein anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen ist und wir nicht gerade Vorbild für ein Kind sein sollten. Überhaupt gibt hier irgendwer Regeln vor und wir befolgen sie sofort, auch wenn sie unsinnig sind.
Langsam werde ich nervös bei so viel Kritik.
Gibt es gar nichts Positives?
Sofort bekommt Claudio leuchtende Augen, als ich von ihm auch etwas Gutes über uns hören möchte, und erzählt, was er toll findet. Unsere Pünktlichkeit und Verlässlichkeit beeindrucken ihn. Und erst die Sauberkeit. Mit unserer Müllbeseitigung waren wir sogar Vorbild für Venedig. Seit dort morgens die Mülltüten auf die Straße gestellt und diese täglich mit den kleinen dreirädrigen Plaggio Apen abgeholt werden, sind die Kanäle sauber. “Und was ist mit unserem Angebot an Brot und Brötchen? Da können wir doch bestimmt punkten.“ “Stimmt, ihr habt eine unglaubliche Vielfalt und sehr schmackhafte Sorten. Allerdings backen wir unser Brot oft selbst und das ist das, was ihr in italienischen Restaurants immer so lecker findet. Positiv überrascht bin ich, dass ihr ab und zu so richtig fröhlich aus euch herausgehen könnt. Ich denke da an die EM 2024. Da kam doch diese große friedfertige Fangemeinde aus Schottland in Kilt und mit Dudelsäcken. Die habt ihr herzlichst empfangen und zusammen gefeiert, egal, welcher Verein gerade gewonnen oder verloren hatte. Ich denke, es gibt viele gute typisch deutsche Eigenschaften.“
Gut und schlecht liegen oft nah beieinander.
Mit einem schelmischen Lächeln fügt Claudio dann noch an: “eine weitere Eigenschaft von euch finde ich super. Ihr liebt Italien als Urlaubsland und kurbelt so unsere Wirtschaft an. Dass unser ästhetisches Auge beim Anblick mancher Touristen beleidigt wird oder wir Unfreundliches zu hören bekommen, weißt du selbst. Aber über derart klischeehafte Vorurteile wollen wir hier nicht reden.“
