„Wir müssen reden…“ – Ein sehr persönlicher Blick auf digitale Kommunikation

von Beate Seelinger

Kommunikationsphänomene, nicht nur digitaler Natur

Es mag idiolektische, lokale, regionale und landestypische Sprachgewohnheiten geben, die Kommunikation – nicht nur heute – sondern zu allen Zeiten erschwer(t)en oder erleichter(te)n. Sprachstil, Denkgewohnheiten, Dialekt und Themengestaltung sind bedingt durch geographische, soziale und psychologische Gegebenheiten. Schon von daher funktioniert Kommunikation nicht immer reibungslos. Mündliche Kommunikation kann auf viele Arten und Weisen gestört sein, was Missverständnisse der unterschiedlichsten Arten bedingen mag. Heute kommunizieren wir in vielen Bereichen anders, digital nämlich. Wird Kommunikation so ungestörter, leichter?

 Die Lösung: digitale Kommunikation?

Man könnte in der Tat zunächst einmal meinen, dass es so ist. In Teilen funktioniert geschriebene Kommunikation reibungsloser. Jedoch auch auf diesen Wegen hat sie häufig ihre Tücken. Nicht gering zu achten ist dabei die Tatsache, dass das geschriebene Wort BLEIBT. Es ist nicht flüchtig, wie die gesprochene Sprache und kann von daher sehr viel mehr Gewicht haben. Wichtige Verträge legt man schriftlich nieder, wenn es auch möglich sein mag, sie auf digitalen Wegen ökonomisch und zügig um die ganze Welt zu schicken. Der letztendliche Vertrag bleibt jedoch ein Schriftstück.

Die alltägliche digitale Kommunikation erfolgt auf niedrigerem Niveau in den heutigen Zeiten vornehmlich über Whats App Nachrichten und über Botschaften auf anderen digitalen Kanälen. Die schriftlichen Ergüsse, mit denen der Kommunikationspartner da konfrontiert wird, erscheinen durchaus nicht immer als eine erbauliche Bereicherung des geistigen Lebens. Ich behaupte nicht, in der Rechtschreibung und Zeichensetzung der deutschen Sprache hieb- und stichfest zu sein. Jeder, der einmal versucht hat, einem Ausländer Deutsch beizubringen, wird zugeben müssen, dass man da als Muttersprachler – durchaus auch von der Ausbildung her nicht unerfahren – hin und wieder ganz schön in Erklärungsnöte und Zweifel kommen und in gemeinen sprachlichen Fußangeln hängen bleiben kann. Und ich mache Menschen, die nicht beruflich oder sonst wie häufig mit Sprache zu tun haben – gerade im Deutschen – keinen Vorwurf, „wenn nicht alles sitzt“. Jedoch, wenn eine Oberstudienrätin der deutschen und englischen Sprache keine zwei Sätze ohne Rechtschreib- und Zeichenfehler zusammen bekommt und offenbar auch weder Lust hat noch die Notwendigkeit sieht, die elementarsten Sprachregeln der geschriebenen Kommunikation einzuhalten, gibt mir dies gehörig zu denken. Es fliegen dem Empfänger kryptische Wortzusammenstellungen um die Ohren, deren Sinn man mit viel Phantasie – die man gar nicht aufbringen WILL – erkunden soll. Um ehrlich zu sein: es ist zuweilen ein Grauen, was man da zu lesen bekommt. Und um es klar zu sagen: so macht Kommunikation keinen Spaß und man sollte sich in der Tat überlegen, sie zu verweigern.

Nun gestaltet es sich so, dass ich aufgrund meiner Ausbildung Sprache gern mag, gern lese und gern schreibe. Ich verfasse auch digitale Nachrichten in verständlichem Deutsch und lese sie auf Rechtschreibung und Zeichensetzung hin durch. Nicht immer fehlerlos, auch in meinem Fall, jedoch zum größten Teil in dem mir schon in der Grundstufe des Gymnasiums beigebrachten Schriftdeutsch. Ich bin der Meinung, dass es eine Frage der WERTSCHÄTZUNG des Kommunikationspartners sei, einen halbwegs vernünftigen Text zu verfassen, ganz selbstverständlich. Ein kryptischer, fehlerhafter Text lässt doch klar zu erkennen, dass der Verfasser in Gedanken ganz woanders war, als er die Nachricht schrieb, bzw., schon bei der nächsten Aktivität. Hingerotzte digitale Nachrichten transportieren eine gehörige Menge an Geringschätzung – gewollt oder ungewollt. Ein gelungener Chat kann Spaß machen und eine Unterhaltung ersetzen. Jedoch erlebe ich dies selten. Wenn mit einem jeweiligen „Pling“ die Kommentare flitzen und sitzen, kann es sich sogar um Sprachkunst handeln. Allerdings, so wie ich sie erlebe, verdirbt die Art der digitalen Kommunikation, wie sie vornehmlich getätigt wird, die Sprache ganz und gar – und somit langfristig ebenfalls das Denken, da Sprache bekanntlich das Denken prägt. Sprache wird in erschreckendem Maße reduziert auf ein beinahe lästiges Transportmittel für mehr oder minder sinnentleerte Inhalte. Und dieser schriftliche Sprachgebrauch zieht zunehmend in die gesprochene Sprache ein und umgekehrt. Ich fahre viel S-Bahn und erlebe dort, wie Jugendliche auf dem Heimweg von der Schule kommunizieren. Sie reden, wie sie schreiben und sie schreiben, wie sie reden. Rudimentäre Sätze, Ein-Wort-Botschaften, grammatische Waghalsigkeiten, ganz zu schweigen davon, dass Kommunikation eigentlich gar nicht stattfindet, da jeder vornehmlich auf sein Smartphone starrt. Zuweilen scheint es, als säßen vier zusammen und schickten sich gegenseitig Nachrichten aufs Handy, anstatt miteinander zu reden. Solche Szenarien wirken auf mich äußerst befremdlich, ja, unheimlich. Ich erlebe dort auch Mütter und Väter, die ihre ganz jungen Kinder auf der gegenüber befindlichen Sitzbank parken und sie dort sich selbst überlassen, während sie unablässig auf der Tastatur ihres Transportable herum tippen. Die Kinder schlagen als kontaktvernachlässigte Wesen frustriert mit den Füßen gegen die Sitzbank, was wiederum einen Anschiss – so muss man es leider nennen – zur Folge hat, dies die Frustration noch verstärkt, und die Kleinen mit leerem Blick zurücklässt. Wer erklärt diesen Kindern die Welt? Wer redet mit ihnen? Diese digital überbeschäftigten Eltern offenbar nicht. Ich empfinde dies als beängstigend, weil ich mich frage, wann und mit wem diese Kinder Kontakt spüren. Wer formt ihr Denken in einer sprachlosen Welt? Wer gibt ihnen ein Gegenüber? Was wird aus ihnen?

Wie sieht`s in der Zukunft aus?

Digitale Kommunikation könnte ein Segen sein. Sie läuft zügig durch die Kabel, sie kann rationell und unkompliziert Nachrichten und Informationen übermitteln, sie erzieht zu Sprachökonomie, wo sie gebraucht wird. Wir brauchen sie – durchaus, denn die Welt ist klein und schnelllebig geworden. Problematisch wird es nur, wenn digitale Kommunikation die gelebte Sprache ersetzt und dem Digitalen abgeschaute Sprache das Denken regiert. Denken sollte nicht nur rationell, rational, ökonomisch und unkompliziert verlaufen. Denken sollte gewohnt sein, sich in komplexen Zusammenhängen zu bewegen. Denken sollte mäandrieren können, um Entspannung, Träumen und besonders Fantasie Raum zu bieten. Wir Alten können das noch. Jedoch können das die digitalen Generationen, werden sie es in Zukunft noch können? Und bringt nicht Nachlässigkeit in der Sprache auch Nachlässigkeit im Denken mit? Angeblich gibt es heutzutage keine Examens- oder Diplomarbeiten mehr ohne eine Vielzahl von Rechtschreib- und Zeichenfehlern – zumindest sagt dies das Radio. Es geht nicht um Sprachkonservatismus. Sprache ist ein lebendiges Phänomen und unterliegt der Veränderung und soll und muss diese erfahren. Jedoch Sprache ist auch ein Wert, ein Reichtum, ein Kulturgut, nicht zufällig sprechen wir vom SprachSCHATZ.  Wir dürfen nicht zulassen, dass sie dermaßen verarmt und wir sie buchstäblich verlernen! Unsere komplexe Welt braucht gerade komplexe Erklärungssysteme und dazu braucht es komplexe Sprache. Es reicht eben nicht, z. B. jede Art von positiver Erfahrung mit dem einen Begriff „great, großartig“ zu beschreiben, wie es ja selbst in exponierter Stellung getan wird. Sprache hat mehr Facetten. Die vielen Erscheinungsformen von Sprache beschreiben die unendlichen Erscheinungsformen von Welt und des Menschen. Wie arm werden wir, wenn wir diese verlernen! Wir werden uns den Menschen selbst und die Welt nicht mehr erklären können. Wir werden buchstäblich zugrunde gehen. Wir müssen die Menschen und die Gesellschaften gegen die Gefahr der Verflüchtigung von Sprache sensibilisieren. Wir müssen diese Gefahr und ihre Folgen benennen. Die Welt und der Mensch sind durch das Wort geschaffen und wir brauchen das Wort, um in ihr und selbst zu bestehen.Auch in diesem Sinne kann der Prolog des Johannesevangeliums interpretiert werden. Die Schöpfung geschah durch das Wort und sie lebt durch das Wort – oder nicht.