Über Sprachlosigkeit

Ludwig Wittgenstein
(Foto Public Domain)

Wir müssen reden – oder auch nicht

von Ute Lenke

 „Du redest nur, wenn du gefragt wirst“. Die Eltern brachten mir das frühzeitig bei – es war kurz nach dem Ende der Bespitzelungen in der Nazizeit und daher wohl berechtigt – und ich war ein braves Kind und tat wie mir geheißen- allerdings auch in der Schule; nur die schriftlichen Erfolge retteten mich vor dem unausweichlichen Untergang. Lehrer und -innen deuteten mein Schweigen als Dummheit oder Aufsässigkeit, ich meinerseits ihre Fragen als lästig: warum fragten sie, was sie gerade erklärt hatten, sie wussten die Antwort doch (sie störten mich bei der heimlichen Komiklektüre unter dem Tisch).

Auch später schwieg ich, das Partygeschwätz zwischen Teenagern und auch später der sogenannte small talk der Erwachsenen langweilte mich, es fragte auch niemand nach meiner Meinung, also galt ich wieder als dumm und langweilig. Dabei hielt ich mich doch nur an den in der Schule gelernten lateinischen Spruch von Boethius „si tacuisses philosophus mansisses“ (wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben). Aber das verstand auch wieder niemand.

Erst mein Freund (und späterer Ehemann) hielt mein Schweigen aus, er war selbst nicht sehr redselig, unsere Kinder redeten und reden dafür umso mehr, und wir selbst inzwischen auch, sogar wenn wir nicht gefragt werden.

Das soll allerdings selten sein: angeblich haben alte Ehepaare sich nichts mehr zu sagen und sitzen schweigend auf dem Sofa vor dem Fernseher. Das ist dann Stoff für Humoristen, Karikaturisten und Satiriker. Lesen Sie mal Erich Kästners „Sachliche Romanze“: dort geht es um das Abhandenkommen der Liebe und so heißt es am Schluss: „…sie gingen ins kleinste Café am Ort und rührten in ihren Tassen. Am Abend saßen sie immer noch dort, sie sahen sich an und sprachen kein Wort und konnten es einfach nicht fassen“. Oder Loriot´s Hermann: „…warum sagst du denn nichts, geh doch mal spazieren“.

Neben den hier geschilderten Beispielen, die eher als Sprachfaulheit oder Sprachmüdigkeit zu bezeichnen wären, gibt es auch andere Formen von Sprachlosigkeit: „Ich bin sprachlos“ sagt man, wenn es Einem vor Entsetzen oder Überraschung die Sprache verschlägt. Das ist eine emotionale Reaktion, die sich in kurzzeitigen Wortfindungsstörungen äußert. Auch Angst oder Wut haben Einfluss auf unsere Redefähigkeit. Wer jemals unter Prüfungsangst gelitten hat, kann ein Lied davon singen oder erzählen. Diese Erscheinungen sind zum Glück nur kurzzeitig und verschwinden wieder, wenn die „Nerven nicht mehr blank liegen“.

Etwas anderes ist es mit krankhaften Sprachstörungen, Aphasie, Stummheit oder Stottern und ähnlichen, die als Folgen von Schlaganfällen, Demenz, Alzheimer neurologische oder psychische Erkrankungen begleiten können. Sie gehören in die Hände von Fachleuten, Therapeuten, Logopäden. Darüber müssen und wollen wir an dieser Stelle nicht reden.

Fazit:
Halten wir es wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein:
„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ (Ludwig Wittgenstein – Tractatus Logico-philosophicus)

Zitate:
Erich Kästner „Sachliche Romanze“
(zitiert nach https://www.lyrikline.org/de/gedichte/sachliche-romanze-14375 (als Zitat (c)-frei)
Loriot „Hermann“
(https://www.youtube.com/watch?v=ToEyauHWd9w)
Ludwig Wittgenstein „Tractatus Logico-Philosophicus“
(https://www.buboquote.com/de/autor/99-wittgenstein