von Angelika Oppermann
„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“.
Ein Sprichwort, Jeder kennt es; Jeder glaubt zu wissen, was es bedeutet. Und vermutlich hat Jede und Jeder so seine und ihre eigene Meinung dazu, die sich durchaus unterscheidet. Anders kann es wohl gar nicht sein, werden doch Ansichten und Meinungen von den jeweiligen Lebens- und Lernerfahrungen geprägt.
Ich möchte im Folgenden einige persönliche Eindrücke schildern:
1. Reden als lautes Denken
Was sind Worte eigentlich anders als Luftschwingungen, die der Mensch mit seinen Stimmbändern erzeugt?
Aber es geht nicht darum, die Luft in Schwingungen zu versetzen. Das gesprochene Wort ist auf ein Gegenüber ausgerichtet, das verstehen kann und auch verstehen will, was gesagt wird. Und da sind es nicht die Laute, die durch den Schall ins Ohr und Gehirn des Anderen transportiert werden, sondern es geht um das Gemeinte, den Inhalt, die Bedeutung.
Wir haben uns als Menschheit darauf geeinigt, gegenständliche Dinge ebenso wie Gefühle und innere Empfindungen, dazu noch abstrakte Begriffe in gesprochenen oder geschriebenen Worten auszudrücken. Die Schrift macht keinen großen Unterschied, denn der Empfänger der Botschaft liest sich die Schrift vor, erzeugt in seinem Kopf also auch dieselben Worte, die der Sender ihm übermitteln wollte.
Nun wissen wir aber aus der Kommunikationsforschung, dass es eine richtige Wissenschaft ist, wie das Gesendete den Empfänger erreicht. Das Gemeinte ist nicht immer das Gesagte; die Worte reichen nicht aus, um die volle Bedeutung des Gemeinten zu umfassen oder es ist gar nicht gewollt, etwas in direkter Sprache auszudrücken. Um den heißen Brei herumreden oder es durch die Blume sagen. Das ist in verschiedenen Kulturen unterschiedlich üblich. Asiaten vermeiden es, offen Ablehnung oder Kritik zu äußern. In Deutschland und auch in den Niederlanden kann es oft nicht deutlich, manchmal drastisch genug ausgedrückt sein.
Es gibt so unendlich viele Möglichkeiten des Scheiterns auf dem Weg des Gesagten vom Sender zum Empfänger, dass es mir immer wieder wie ein Wunder erscheint, dass wir uns überhaupt miteinander verständigen können.
Um mich zu verstehen, müsstest du in meiner Welt leben. Woher sollst du wissen, was dieser Begriff, dieses Wort für mich bedeutet? Woher sollst du die Erfahrungen kennen, die ich damit gemacht habe? Für den einen bedeutet das Wort „Berufstätigkeit“ lebenslangen Frondienst, für den anderen erfüllende Kreativität, Gemeinschaft und Erfolgserlebnisse.
Und dann muss ich mich im Gespräch auch noch darauf verlassen können, dass der Gesprächspartner auch wirklich ein Partner ist und keine Projektionsfläche oder ein meine Worte Erduldender.
Reden führt geradewegs ins Nichts, wenn auf der Gegenseite nicht der Wille und die Fähigkeit vorhanden sind, zuzuhören; wirklich zuzuhören und nicht nur so zu tun, während man abgelenkt mit seinen Gedanken irgendwo in die Ferne schweift.
Der Wille, zuzuhören und die Fähigkeit zuzuhören. Nicht jeder spricht die Muttersprache des anderen oder spricht sie nur gebrochen und da wird es dann schon schwierig mit der Verständigung, wenn Google translate oder ein anderer elektronischer Helfer nicht in der Nähe greifbar sind. Oder du sprichst Jugendsprache oder die Sprache irgendeiner anderen Subkultur und dein Gegenüber spricht eben diese Sprache nicht. Voll krass, boah ey?
Auch der Zuhörende muss sich darauf verlassen können, dass der Sprecher ihm wirklich eine Nachricht übermitteln möchte. Es gibt auch Redner, die haben Redezwang, wollen sich vielleicht in den Mittelpunkt stellen oder spielen Machtspiele, benutzen den Zuhörer nur für ihre eigenen seelischen Nöte, ohne einen echten Kontakt und Austausch aufbauen zu wollen. Oder wollen nebenbei durch die Sprache ihre Haltungen in der Welt verbreiten: genderst du noch oder redest du schon verächtlich vom „woken System“?
Es ist vermutlich weise, sich damit abzufinden, dass wir uns miteinander nur annäherungsweise verständigen können, selbst bei gutem Willen beider oder aller Seiten.
Zudem nähert sich die vierte narzisstische Kränkung der Menschheit, die unser Selbstbild erschüttert, frei nach Sigmund Freud (1). Vielleicht ist lautes oder leises Denken nur ein komplexer Algorithmus. Große Sprachmodelle können mittlerweile so gekonnt mit uns plaudern, dass wir den Unterschied nicht mehr erkennen. Und wir reagieren auch emotional zunehmend auf die künstliche Intelligenz, als wäre sie ein menschliches Gegenüber. Was die Frage aufwirft, ob irgendetwas originell ist in unserem Denken und Reden oder ob wir uns auch nur aus der Vergangenheit bedienen und Worte und Sätze endlos wiederholen und ganz selten mal neu zusammensetzen.
2. Zwischen Reden und Schweigen: die Körpersprache
Es tröstet mich, dass wir uns trotz der vielen Defizite in der zu Tönen gewordenen Gedankenwelt dennoch ganz gut verständigen können. Verständigen, nicht nur Verstehen. Denn „tout comprendre, c‘ est tout pardonner“ (alles verstehen heißt alles verzeihen) ist erst der Anfang; dann fängt die Aushandlung an, welche Interessen und sozialen Beziehungen zwischen uns denn heute gelten sollen. Nur für heute, denn die Aushandlung unserer sozialen Sphären findet täglich neu statt; eigentlich bei jeder neuen Begegnung.
Du wirst es im Ausland öfter erlebt haben, wenn du die Landessprache nur teilweise beherrschtest. Dein Gesprächspartner wandelt dein Gestammel erstaunlich oft in eine sinnvolle Reaktion um; ersetzt das Wort, nach dem du gerade suchst oder beendet den Satz, den du nicht zu Ende bringst. Nicht immer korrekt, aber doch meistens.
Wäre es immer korrekt, hätten wir keine Komik, denn Humor in Form von Sprachwitz beruht häufig auf dieser „Fallhöhe“, dass eine andere Erwartung erzeugt wird, wie der Satz denn weitergeht als es dann tatsächlich geschieht. Und wir können als Menschen einer gemeinsamen Muttersprache gemeinsam lachen. Witze in Fremdsprachen zu verstehen, ist dagegen schwer und setzt schon mindestens ein B1 Level voraus. Und eine Kenntnis der Situation, der Anspielungen und im persönlichen Kontakt der Körpersprache. Und da wären wir auch wieder bei der Situation, wenn die Muttersprache unterschiedlich ist. Wir haben immer noch die Daten aus unserer Körpersprache, aus unseren Gesten, aus unseren Mikroexpressionen, aus der Situation. Wer sich in der Touristengegen suchend umblickt und an der Kleidung auch als Tourist zu erkennen ist, der wird wohl nach einem Weg zu irgendeinem Ziel fragen und keine philosophische Diskussion über Sein und Nichtsein führen wollen.
Es ist uns meiner Ansicht nach nicht bewusst, wie viele Informationen wir über die Körpersprache des Gegenüber bekommen und wie sehr wir selbst unsere eigene Körpersprache einsetzen; es sei denn, wir haben etwas eingeübt und haben womöglich sogar das Ziel, zu manipulieren, also nicht echt und authentisch einfach uns selbst zum Ausdruck zu bringen. Wir reden also als laut gewordene Gedanken aus unserem diskursiven Denken und wir reden als körperliche Wesen. Letzteres ist eine sehr viel ältere Fähigkeit und weit umfassender als das Denken. Es umfasst vor allem Gefühle und bildet das Beziehungsgeschehen getreulich ab. Der Verstand weiß nicht viel davon; braucht er auch nicht. Und wenn sich beides widerspricht? Ich würde die Signale der Körpersprache als maßgeblicher ansehen, um mein Gegenüber einschätzen zu können.
Laute, Blicke und Gesten: so verständigen wir uns mit Babys, so verständigen wir uns mit manchen Tierarten.
Der Blick der Anderen, nicht die Worte der Anderen haben aus Jean Paul Sartre einen Philosophen gemacht. Unter dem Blick des bedeutsamen Anderen kannst du gedeihen oder verderben.
3. Das Schweigen
„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, lautet der bekannte Satz von Ludwig Wittgenstein. „Das Tao, das sich aussprechen lässt, ist nicht das ewige Tao“, lautet der erste Satz des Tao Te King (Daodejing).
Jetzt beziehen sich diese Sätze nicht nur auf die Abgrenzung unserer sozialen Kommunikation auf die unsagbare Erfahrung, die sich nicht aussprechen, wohl aber ausdrücken lässt, mag man sie mystisch, transzendent, religiös oder einfach unsere wahre Natur nennen. Sondern auch im alltäglichen Gespräch lohnt es sich, darauf zu achten, was in all dem Wortschwall nicht gesagt worden ist, obwohl es hätte erwartet werden können. So gibt es das vielsagende Schweigen in der Kommunikation, aber auch das Schweigen beim Blick ins Innere, ins Wesentliche. Letzteres empfinde ich als ein wohltuendes, erlösendes Schweigen, ein Zurückkommen nach Hause nach einem Tag der vielfältigen Kommunikation, auf dem Sitzkissen der Zen-Meditation oder im stillen Gebet in einer stillen Stunde. Oder wenn du dir des Wunders des Lebens bewusst wirst, oft im Kontakt zu Wasser, Wind und Wäldern. Wenn dir die Worte ausgehen, die Gedanken verblassen, in Versunkenheit im Augenblick. Da gibt es ein so tiefes Schweigen, voller Kraft und Möglichkeiten, die noch in ihrer Potentialität verharren.
Aber sage nicht, Reden sei Silber und Schweigen sei Gold; ein Jegliches hat seinen Platz zu seiner Zeit.
(1) Die Redaktion war neugierig und hat bei derGoogle-KI zu den 3 großen Kränkungen des Menschen nach Freud folgende Auskünfte gefunden:
Die Kosmologische Kränkung (Kopernikus): Die Erde ist nicht das Zentrum des Universums, sondern nur ein kleiner Planet.
Die Biologische Kränkung (Darwin): Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern stammt aus der Tierreihe ab.
Die Psychologische Kränkung (Freud): Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus, da sein Handeln stark vom Unbewussten gesteuert wird.