Neulich im Supermarkt

von Ute Lenke

Am Käsekühlregal stand eine nicht mehr ganz jugendliche Frau und unterhielt sich lautstark mit sich selbst: „Welchen Camembert soll ich denn nun nehmen?“ Pause. „Der französische ist ziemlich weich, MHD Übermorgen.“ Pause. „Also den deutschen, der ist aber noch sehr fest. Ach, ich nehme Harzer“.

Ich war irritiert: sollte ich den Geschäftsführer rufen? Die Frau hatte doch offensichtlich ein psychisches Problem. Wer führt Selbstgespräche? Solche Leute sind doch krank. Vorsichtshalber ging ich auf Abstand – was, wenn eine innere Stimme ihr wer weiß was befahl? Dann kam sie auch noch auf mich zu, sprach mich an „Bei so viel Auswahl wird man ja ganz konfus“. Und dann sah ich es: sie hatte diese weißen Knöpfe im Ohr und ein Handy in der Hand: sie hatte telefoniert!

Selbstgespräche vs. digitale Kommunikation

Selbstgespräche galten und oft gelten sie auch heute noch als Zeichen von Altersschwäche, naja – wenn nicht als „verrückt“, aber doch nicht „ganz normal“. Und wer sie führt, lässt sich nicht gerne dabei erwischen, es ist peinlich. Dabei hat die Psychologie längst festgestellt, dass es abgesehen von wirklich psychiatrischen Krankheitsfällen eher ein Zeichen von Intelligenz, logischem Denken und strukturiertem Handeln ist; es dient zur Entspannung, zur Egopflege. Es ist ein innerer Dialog mit sich selbst, bei dem mir keiner widerspricht, keine Fragen stellt, aber mich manchmal auch kritisiert: „Ich Trottel, wo habe ich wieder meine Schlüssel“ oder als innerer „Schweinehund“ meine besten Absichten boykottiert: Morgen ist noch früh genug. Laut Statistik reden 96% der Erwachsenen mehr oder weniger oft mit sich selbst. Also muss niemand von uns befürchten, dass uns gleich die Männer mit der Zwangsjacke abholen.

Digitale Kommunikation richtet sich dagegen an einen – für Beobachter ebenfalls unsichtbaren – Gesprächspartner, der aber die Chance hat, zu antworten, zu widersprechen usw.. Allerdings braucht man hierfür ein digitales Medium: Telefon, SMS, soziale Medien wie Whatsapp, Telegram, Signal etc.. Diese Art von Kommunikation ist derzeit gebräuchlich und gesellschaftlich so toleriert, dass sie von wirklichen Selbstgesprächen kaum zu unterscheiden ist und sich mancher „Alleinunterhalter“ zur Tarnung ein Smartphone ans Ohr hält („Ich habe nur eben mit dem Chef telefoniert“).

„Meine Freundin“ an der Käsetheke schien jedoch auch die alte, immer noch übliche Form der Kommunikation zu bevorzugen, das reale Gespräch zwischen 2 realen Menschen. Es geht doch nichts über ein echtes Gespräch, über das „Miteinander reden“ und sei es noch so kurz oder über Käse.

Links zum Thema Selbstgespräche:

https://www.msn.com/de-de/gesundheit/medizinisch/ist-selbstgespr%C3%A4ch-ein-zeichen-von-intelligenz/vi-AA1YmfCF

https://www.facebook.com/Themech.mind/posts/psychologists-and-neuroscientists-have-found-that-talking-to-yourself-is-linked-/1440460627647809

https://www.google.com/search?q=Selbstgespr%C3%A4che&rlz=1C1GCEB_enDE1189DE1189&oq=Selbstgespr%C3%A4che&gs_lcrp=EgZjaHJvbWUyBggAEEUYOdIBCDQ2NDFqMGo3qAIIsAIB&sourceid=chrome&ie=UTF-8

https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/selbstgespraeche-fuehren-wann-mit-sich-selbst-reden-helfen-kann/#:~:text=Nahezu%20alle%20Menschen%20f%C3%BChren%20stille,Sprechenlernens%20%E2%80%93%20und%20als%20Ausdrucksmittel%20verinnerlicht.

Google-Ergebnis zu „digitale Kommunikation“:

https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=digitale+Kommunikation&sei=llGtacbDOI-7i-gP9c6hqAE