von Ute Lenke
Am 14.03.2026 ist der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren verstorben.
Sein Werk über die „Theorie des kommunikativen Handelns“, 1981 erschienen, passt zu unserem LernCafe-Thema „Wir müssen reden…“. Darum wage ich an dieser Stelle eine kurze Würdigung dieses wichtigen Werkes über Kommunikation und ihre Rolle für eine demokratische Gesellschaft. (s. auch LC 95 „Ist unsere Demokratie in Gefahr?“).
Seine Texte im Original zu lesen ist nicht ganz einfach, „fühlt sich manchmal an wie eine Bergwanderung durch knietiefen Wort-Sumpf“, so Gemini, von dem ich mir – wie ich gerne zugebe – habe helfen lassen.
Habermas´ These und zentrale Frage ist: Die Grundlage einer Gesellschaft ist Sprache. Die Frage ist: wie schafft es eine Gesellschaft sich über das Medium Sprache über ihre Handlungen zu verständigen, ohne dass es zu Zwang, Manipulation oder Normverletzungen kommt?

Habermas unterscheidet mehrere Formen des Handelns, z.B strategisches Handeln, das auf Durchsetzung von Zielen bedacht ist. Kommunikatives Handeln geschieht vor allem über Sprache und zielt auf Verständigung. Hier geht es darum, eine Lösung zu finden, die für alle Beteiligten wirklich Sinn ergibt, es geht um „Verstärken“, um Verständigung, nicht um „Besiegen“, Erfolg haben um jeden Preis. Voraussetzung sind drei Geltungsansprüche: Wahrheit (in Bezug auf Tatsachen), Richtigkeit (in Bezug auf Normen) und Wahrhaftigkeit (Authentizität). Habermas nennt das: rationales Handeln und Kommunikation bilden die Grundlage für soziale Interaktionen. Eine Kommunikation aus Verständigung und Rationalität gelingt ohne Zwang, über die Logik des Arguments, sie ist ein „Zwangloser Zwang des besseren Arguments“ oder ein „herrschaftsfreier Dialog“ (O-Ton Habermas).
Kommunikation vollzieht sich innerhalb einer Gesellschaft, aber Gesellschaft ist eingebettet in „Lebenswelt“ und „System“: Lebenswelt ist unser Alltag, unsere Kultur, Familie und Freunde. Wir pflegen Beziehungen und Werte durch Gespräche. System: Das sind Wirtschaft und Verwaltung, Staat; hier zählen Geld und Macht, hier herrschen formalisierte Strukturen und starre Regeln.
Habermas warnt vor der „Kolonialisierung der Lebenswelt“, d.h. dass die „Logik des Systems“ (Geld und Macht) immer mehr in unsere Lebenswelt vordringt; wenn wir z.B. Freunde nur noch systemisch nach Nutzen bewerten oder Bildung nur noch als „Investition“ sehen, geht die menschliche Verständigung kaputt.
Die Unterscheidung von Lebenswelt und System ist entscheidend, um die Dynamik zwischen individuellem Handeln und gesellschaftlichen Strukturen zu verstehen. Öffentlichkeit ist der Raum, in dem Bürger durch Kommunikation und Diskussion an der politischen Entscheidungsfindung teilnehmen können.
Er fordert daher „Öffentlichkeit für herrschaftsfreie Diskurse“: Demokratie kann nur funktionieren, wenn wir offen und ehrlich miteinander diskutieren können. Sprache und Kommunikation haben somit eine tragende Funktion für das Funktionieren, sind der „Klebstoff“ einer freien Gesellschaft.
In diesem Sinne : „Lasst uns reden, nein: wir müssen reden!“
Quellen und weiterführende Literatur:
zu Biografie und Werk von Jürgen Habermas: Wikipedia Jürgen Habermas – Wikipedia
Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bände, Suhrkamp 1981;
Sven Papke, et al (Hrsg): Schlüsselwerke der Soziologie, Wiesbaden 2001;
Gemini, Google;
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