Mit Büchern reden

von Michael Scheier

„Büchersessel“ Skulptur von Liesel Metten
Gutenbergmuseum Mainz

Sprechen Sie auch mit Büchern? Für mich ist ein Buch ein Kommunikationsangebot: Es lädt uns ein, uns mit der Welt auszutauschen. Mit seiner Idee, auswechselbare Lettern zur massenhaften Produktion von Büchern zu verwenden, brachte Johannes Gutenberg einen Prozess in Gang, der es einem zunehmenden Teil der Gesellschaft ermöglichte, miteinander in Kontakt zu treten und sich gegenseitig zu beeinflussen – ohne dass man sich persönlich begegnen musste. Der Buchdruck ermöglichte es auch, dass Martin Luther und die anderen Reformatoren ihre Thesen, Schriften und die Bibelübersetzung massenhaft, schnell und relativ kostengünstig unter das Volk bringen konnten. Später kam der Zeitungsdruck dazu: Mit ihrer enormen Reichweite zur Verbreitung von Neuigkeiten, „News“, trugen die Zeitungen dazu bei, dass in großen gesellschaftlichen Gruppen das Gefühl von einem gemeinsamen Schicksal erzeugt und bestärkt wurde. Dieser Prozess hat schließlich sogar, wie der Politikwissenschaftler und Nationalismusforscher Benedict Anderson in seinem 1983 erschienenen Buch „Die Erfindung der Nation“ feststellt, zum Nationalbewusstsein beigetragen, einer wesentlichen Grundlage zur Entstehung von Nationen und auch von Nationalismus.

Literatur spricht zu uns und wir sprechen mit ihr. Lese ich zum Beispiel ein Sachbuch, so sehe ich oft den Autor vor mir, und ich höre ihm zu. Oder ich diskutiere innerlich mit ihm. Handelt es sich um einen Roman, identifiziere ich mich vielleicht mit einigen Figuren, erkenne Charakterzüge von ihnen in mir wieder oder finde meine Eigenheiten in den Figuren. Ich freue mich mit ihnen und bange um sie – oder ich nehme eher Abstand und sehe sie kritisch. Vielleicht streite ich auch mit dem Autor, weil die Handlung mir missfällt oder für mich nicht stimmig ist. Dieses Miteinander-Reden-Können macht schließlich aus, ob wir uns mit anderen Menschen verbunden, einer Gruppe zugehörig und schließlich auch gesellschaftlich wirksam fühlen. Und so geht es mir auch, wenn ich mit Büchern „rede“.

Wenn man ein interessantes Buch liest, dann kann man zeitweilig die Welt um sich herum ganz vergessen. Man taucht in Geschichten, Romane oder auch Argumentationen ein und lebt mit dem Text. Zu lesen bedeutet bei manchem Buch auch, eine Beziehung einzugehen. Ich bin ziemlich sicher, dass, würde man das Gehirn des Lesers in Aktion mit einem bildgebenden Verfahren durchleuchten, oft dieselben Gehirnareale aufflackern würden wie bei einer persönlichen Unterhaltung.

Meine Beziehung zu Büchern war zeitweise eher schwierig, besonders während der Pubertät. In dieser Zeit bekamen wir im Deutschunterricht Riesenlisten mit Büchern, die wir lesen sollten. Oft sogenannte „Klassiker“. Das war mir ein Graus: Bestimmte Bücher zu lesen, einen vorgegebenen Bücherkanon „abzuarbeiten“, das kann man eigentlich niemandem vorschreiben. Schon gar nicht in diesem Lebensalter, das voller Unsicherheiten und Umwälzungen steckt. Etwas Anderes wäre es gewesen, wenn die Leselisten als Vorschlag gedacht gewesen wären, und wir unsere eigene Leselust hätten einbringen können. Man kann Menschen so wenig vorgeben, was sie lesen sollen, wie man über ihre Bekanntschaften und Freundschaften bestimmen kann. Jeder Mensch ist anders, jede Lektüre hat ihre Zeit, so wie jede menschliche Erfahrung und jede Beziehung ihre eigenen Bedingungen und ihre eigene Zeit hat.

Mich mit einem von einem anderen Menschen geschriebenen Text auseinander setzen zu können, meine Erfahrungen darin gespiegelt oder auch kontrastiert zu finden: das ist das Großartige, was Bücher für mich leisten können. Das ersetzt nicht den persönlichen Kontakt mit Personen, Gruppen, mit der sogenannten „realen“ Welt. Aber auch Bücher können mir das Gefühl geben, dass ich mit meinen Gedanken und Ideen nicht alleine bin. Mit Büchern reden zu können, das kann manchmal wahrhaft tröstlich sein.