von Peter Schallock
Wer auf dem Dorf aufwuchs, dem fehlt oft jeder Idealismus, was ländliches Leben angeht. Aber Erinnerungen und Erfahrungen verblassen und vielleicht wäre das Häuschen auf dem Lande ja doch eine schöne Sache. Plötzlich erscheint wieder attraktiv, was man einst vielleicht erleichtert hinter sich ließ. Aber dann holt einen manchmal die Realität ein – wenn beispielsweise die angebliche Idylle in die Schlagzeilen gerät.

Es ist ein malerisches Örtchen, um das es in diesem Text geht. Reizvoll umgeben von bewaldeten Hügeln, obgleich immer mehr Neubaugebiete in die Höhe drängen. Denn das Dorf wächst und braucht Platz. Auf einer Seite lugt von oben eine gut erhaltene Burg in das Tal, das dem Ort seinen Namen gab. Nach Süden weitet es sich, dort führt die Bundesstraße vorbei, auf der täglich zahlreiche Einwohner in die kleineren und größeren Städte in der Nachbarschaft pendeln.
Sie werden noch verstehen, warum ich den Namen des Dorfes nicht nenne, dazu komme ich noch. Es ist das Dorf, in dem ich geboren wurde und in dem ich aufwuchs.
In meiner Kindheit gab es dort noch alles, was man zum Leben so brauchte: Dafür sorgten gleich mehrere Lebensmittelläden, ein Bäcker und ein Metzger und natürlich ein paar Kneipen. Im Café trafen sich die Älteren zu Kaffee und Kuchen. Es gab Handwerker, eine kleine Eisengießerei und ein Sägewerk. Die Volksschule war noch Schule für fast alle Kinder aus der nahen Umgebung; nur wenige wechselten auf eine weiterführende Schule im Nachbarort. Um die Seelen kümmerten sich der Pfarrer und eine fleißige Kirchengemeinde mit munterem Kirchenchor, ein Ärzte-Ehepaar half bei körperlichen Leiden. Aber auch ein paar Bauern waren noch übriggeblieben, und in manchen Höfen müffelten Misthaufen vor sich hin. Hier existierte noch ein Stückchen heile Welt, in der alles seine Ordnung hatte. Zumindest auf den ersten Blick.
Es lebe die Tradition!
Gemeinschaft wurde noch groß geschrieben, Traditionen gepflegt. Bürgermeister, Pfarrer, und Lehrer waren Respektspersonen und über jede laute Kritik erhaben. Der Herr Pfarrer zeigte zuweilen besondere Strenge im Umgang mit Konfirmanden? Keiner hätte gewagt, ihn dafür zu kritisieren.
Und dann gab es noch die für mich wichtigste Einrichtung überhaupt, den Fußballverein. In der Schüler- oder später der Jugendmannschaft mitzuspielen, das war etwas ganz Besonderes. Das war wie eine Auszeichnung, denn das konnte oder durfte nicht jeder. Wer nicht genug Talent bewies, der hatte keine Chance.
Tradition überwog auch hier: Familien, die über Generationen den Verein mit Spielern versorgt hatten, standen an der Vereinsspitze. So mancher im Ort war ausschließlich wegen seiner Vereinsaktivität eine kleine Berühmtheit. Was er sonst so machte, interessierte eigentlich keinen.
Ewig Fremde?
Meine Eltern waren Vertriebene aus Pommern, die vor ihrer Ankunft in Berlin lebten. Dass sie hier landeten, war das Ergebnis von Verwaltungsvorgängen, es war nicht ihre Entscheidung. Von den Einheimischen wurden wir lange misstrauisch beäugt, das galt auch für mich, obwohl ich doch im Dorf geboren war. Für so manchen Einheimischen, der noch nie etwas von Pommern gehört hatte, waren wir schlicht Russen. Was meinen Vater fuchsteufelswild machte, denn er hatte Jahre in russischer Gefangenschaft verbracht.
Es gab mehrere Vertriebenenfamilien im Ort. Wir Kinder waren zuweilen Spott und Beleidigungen älterer Kinder aus alteingesessenen Familien ausgesetzt. Besonders beliebtes Opfer war ein Junge namens Lutz. Er war ein Jahr jünger als ich, hatte rote Haare und zahlreiche Sommersprossen, die zu seinem ulkigen und pfiffigen Wesen passten. Etwas, das einige tumbe Dorflümmel restlos überforderte.
Abschied ohne Wehmut
Mich dagegen rettete mein fußballerisches Engagement. Als Spieler in der Vereinsmannschaft gehörte ich dazu, war kein Außenseiter mehr – wenn auch nur zeitweise. Denn Ausbildung und Fußballspielen vertrugen sich nicht. Nach dem Ende der Schulzeit hatte ich keine Zeit mehr, um am frühen Nachmittag mitzutrainieren.
Je älter ich wurde, desto langweiliger schien es mir hier. Die dörflichen Musikveranstaltungen, bei denen irgendwelche Bands aus der Region spielten und so mancher Gleichaltrige seine zukünftige Frau – meist aus dem dem Dorf gegenüber – kennenlernte, waren nicht meine Welt. Im Nachbarstädtchen gab es Diskotheken, und die Mädchen dort schienen mir aufgeweckter und interessanter.
Es kam, wie es kommen musste: Der Ernst des Lebens rief und ich verließ eine Umgebung, die mir längst zu eng geworden war. Wo jeder über jeden Bescheid zu wissen schien.
Es war fast schon erschreckend, wie gut die soziale Kontrolle funktionierte. Die angeblich so heile Welt bot kaum Rückzugsmöglichkeiten, Privatsphäre interessierte keinen. Ob es um den Trinker ging, der dabei war, Haus, Hof und Familie zu verlieren, oder die Eheprobleme, die mit Kopfschütteln und zugleich hämischen Grinsen kommentiert wurden – alles wurde in die dörfliche Nachrichtenwelt gezerrt, Klatsch und Tratsch florierten.
Solange ich noch Familie dort hatte, kehrte ich immer wieder zu kurzen Besuchen zurück. Das Dorf veränderte sich, Geschäfte und Betriebe verschwanden, aber überall entstanden Baugebiete. Einer meiner ehemaligen Nachbarn meinte, der Ort entwickele sich prächtig. Dank des Ausbaus der Bundesstraße werde der Ort für Pendler immer beliebter.
Als das letzte im Dorf lebende Familienmitglied verstarb, endeten meine Besuche. Mein Leben fand anderswo statt. Mit dem Dorf hatte ich nichts mehr zu tun. Es interessierte mich nicht mehr.
Einheimische, Querdenker und andere schräge Typen

Das änderte sich im September 2021, während der Corona-Pandemie. Das Dorf sorgte für überregionale Schlagzeilen, selbst die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete. Mehrmals fanden Demonstrationen sogenannter Querdenker statt. Einheimische demonstrierten gemeinsam mit zugereisten Reichsbürgern und Rechtsextremisten gegen Impfpflicht und Auflagen. Bis zu 80 Menschen nahmen an den Demonstrationen teil, das waren rechnerisch mehr als fünf Prozent der Dorfbevölkerung. An der Spitze stand ein im Ort praktizierender Heilpraktiker. Die couragierte Bürgermeisterin versuchte, Gegendemonstrationen zu organisieren, und wurde dafür beleidigt und bedroht, was sie schließlich zum Rücktritt bewegte. Vorübergehend übernahm einer meiner ehemaligen Klassenkameraden das Amt des Bürgermeisters und war, wie es in der Presse hieß, um Neutralität bemüht. „Neutralität“ gegenüber Querdenkern und Extremisten, wie konnte das sein? Angeblich endeten die Demonstrationen, als eines Tages vermummte Antifa-Aktivisten im Ort auftauchten.
Alles halb so wild?
Immerhin scheiterte der Kopf der örtlichen Querdenker bei der Wahl zum Bürgermeister. War also alles halb so wild? Keineswegs. Bei der letzten Bundestagswahl wurde die vermutlich rechtsextreme AfD mit 34 Prozent eindeutig stärkste Partei im Ort. Mitten im Westen Deutschlands, nicht irgendwo im Niemandsland, nicht in einer abgehängten oder ausgebluteten Region. Idylle, mag sie auch noch so harmonisch erscheinen, schützt am Ende weder vor Extremisten noch vor Konflikten.
Vorwärts in die Vergangenheit?
Erinnerungen – gute wie schlechte – verblassen mit der Zeit. Das Leben im liebevoll restaurierten Bauernhaus, umgeben von einigermaßen intakter Natur, mag eine hübsche Idee sein. Aber das alleine macht noch keine heile Welt.
Zeiten, Menschen und Umstände ändern sich, keine Frage, aber nicht immer zum Besten. Und manchmal hilft es in der Tat, sich zu erinnern, wie es tatsächlich war – das Leben, das einem plötzlich verlockend erscheint. So geht es mir, wenn mich mal wieder die Illusionen vom Leben auf dem Lande überkommen.