von Maria Schmelter
Heute Abend, als ich zum Sport ging, stieg eine Erinnerung an die Arbeit im Altenheim vor 40 Jahren hoch. Das Altenheim liegt nämlich genau gegenüber dem Sportraum, in dem wir uns treffen. Es war ja damals 1982 die Zeit, in der man nach 8 Wochen Mutterschutz nach der Geburt wieder arbeiten musste, sonst war die Stelle futsch. 1984, als mein 2. Kind geboren wurde, hatte man zur rechtlichen Besserstellung der Frauen einen 6-monatigen Kündigungsschutz vereinbart. Aber das nutzte nicht viel, da ja nur ganz wenige Krippenplätze zur Verfügung standen, und die waren den Müttern vorbehalten, die unbedingt arbeiten mussten. Der Aufenthalt in der Krippe war als schlecht für die Entwicklung des Kindes verschrien.
Begonnen hatte ich diese Stelle im Altenheim, als mein älterer Sohn ½ Jahr alt war. Ich war eine Frau, die Berufstätigkeit und Familie zusammenbringen wollte, dafür gab es aber kein Rollenvorbild. Meine Mutter war Zeit ihres Lebens Hausfrau in einem landwirtschaftlichen Betrieb gewesen. Sie hatte sich über einen Mangel an Arbeit nie beklagen können, aber es war eben keine bezahlte gewesen, die ihr Unabhängigkeit gegeben hätte.
Ich hatte mich gegen dieses Rollenvorbild gestemmt, hatte gegen den Widerstand der Eltern und ihren Ausspruch „Mädchen heiraten ja doch“ mein Studium durchgesetzt und wollte arbeiten, aber auch Kinder. So musste ich also mein 1. Kind in die Obhut einer liebevollen Tagesmutter geben und stellte mir oft die Frage, habe ich ein Kind bekommen, um es abzugeben und mich der Betreuung alter Menschen zu widmen? Dieser innere Widerspruch begleitete meine Berufstätigkeit.
Ich machte die Arbeit gern. Es war eine Pionieraufgabe. Zum 1. Mal wurde in diesem Altenheim eine zusätzliche Stelle für Sozialarbeit geschaffen. Auch dafür gab es kein Vorbild. Ich erinnere noch das Bild in der örtlichen Presse; ich als Sozialarbeiterin im weißen Kittel, damit ich deutlich als Mitarbeiterin erkennbar war. Ich liebte die Begegnungen und Gespräche mit den alten Menschen. Dass ich unsportlich, wie ich war, ein Gymnastikangebot unterbreiten sollte, war natürlich voll daneben, aber die anderen Gruppenangebote lagen mir sehr. Ich erinnere den schönen großen Garten, in dem unter der alten Eiche, immer das Sommerfest gefeiert wurde. Die revolutionären Ideen, die im Studium genährt worden waren, hatten hier keinen Raum. Aber ich begegnete den Menschen offen und respektvoll.
Ich blieb dort bis zum Ende der 2. Schwangerschaft und danach machte ich eine Kinderpause, bis das Kind in den Kindergarten gehen konnte. Sechs Monate lang erhielt ich 510 DM Mutterschaftsgeld, das hatte man von zuvor 750 DM gekürzt.
Vieles hat sich seit damals getan, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern; nicht zuletzt durch den Druck der Frauen aus der ehemaligen DDR, die es ja in ihrer Biografie so ganz anders erlebt hatten. Aber es bleibt noch viel zu tun, das Ende der Stange ist noch lange nicht erreicht. In den qualifizierten gutbezahlten Jobs ist Teilzeitarbeit noch immer ein Fremdwort und ein Risiko für die Karriere der Frauen.
Vielleicht braucht auch das eine Generation Zeit, aber es ist auch möglich, dass vorher die Tradwifes das Ruder übernehmen.