Demenz – die Erinnerungen werden weniger

von Maria Schmelter

Für uns alle scheinen die Dinge erst dann einen besonderen Wert zu haben, wenn wir uns an sie erinnern können. Wird das Leben mit einer Demenz, in der ja die Erinnerungen, zunächst an die aktuellen, dann aber auch an die weiter zurück liegenden nicht mehr abrufbar sind, wertlos?

Ich sage entschieden „Nein“ – das Leben im Hier und Jetzt hat seinen Sinn.

Seit über fünf Jahren lebe ich mit meiner Schwester, die an einer Alzheimer Demenz erkrankt ist, zusammen. In unserem Umfeld fühlt sie sich sicher, sodass sie manchmal mit ihrer Erkrankung kokettiert; wenn z. B. ich etwas vergessen habe, kann es sein, dass sie zu mir sagt:“ Wer hat denn hier Alzheimer, du oder ich?“

Viele Menschen merken oft gar nicht, dass sie erkrankt ist. Sie kann sehr schön Geschichten erzählen; dass die nicht immer von vorne bis hinten stimmen, fällt oft nicht auf. Natürlich habe ich die Geschichte von dem großen Topf Linsensuppe, den sie in Kalifornien gekocht hatte und ihr der Rat gegeben wurde, doch ein Restaurant auf zu machen, schon viele Male gehört; deshalb ist es gut, wenn öfter Besuch da ist, der darauf noch interessiert reagiert.

Ich gehe gern mit meiner Schwester ins Kino, und wenn ich sie gleich nach dem Abspann frage, wie ihr der Film gefallen hat, so zeigt sich oft, dass wir eine ähnliche Einschätzung haben. Frage ich eine Viertelstunde später, kann sie sich nicht mehr erinnern, dass sie im Kino war.

Ihre Interessen zu lesen und zu stricken sind ihr abhanden gekommen. Jetzt sitzt sie oft in Meditationshaltung auf dem Sofa oder schaut viel Fernsehen. Früher hat sie immer in der Fernsehzeitung angestrichen, was sie schauen möchte. Heute schaut sie was kommt, aber mit einer deutlichen Vorliebe für Naturfilme, Filme über Reisen und Quizsendungen.

Über uns wohnt eine Familie, mit einem 2jährigen Kind, das ist eine große Liebe zwischen beiden. Wann immer sie sie im Treppenhaus hört, eilt sie zur Tür und begrüßt ihren „kleinen, großen Freund“. Ihre Liebe wird in vollem Umfang erwidert. Auch Hunde liebt sie sehr. Es vergeht kein Spaziergang, wo sie nicht auf einen Hund zugeht und den Kontakt aufnimmt.

Wenn ich mir vorstelle, ich könnte mich an all die aktuellen Situationen, die mir helfen meinen Alltag zu regeln, nicht mehr erinnern, ist das eine furchtbare Vorstellung. Im letzten Urlaub konnte sie sich z. B. über die gesamte Zeit, die wir dort verbrachten, nicht daran erinnern, wo unsere Ferienwohnung war.

Eckard von Hirschhausen wies in seiner kürzlich ausgestrahlten Dokumentation: „ Das große Vergessen“ – abrufbar in der ARD Mediathek – darauf hin, dass, bevor alles verschwindet, es ja eine lange Zeit gibt, in der ein erfülltes Leben weiterhin möglich ist. Frühbetroffene engagieren sich im Beirat der Alzheimergesellschaft und wir alle werden durch Demenzerkrankte daran erinnert das das Leben hier und heute stattfindet.