Flug nach Alicante

von Helga Helm

Auf dem Flug nach Alicante musste ich niesen, und das Hustenbonbon, das ich gerade lutschte, schoss aus meinen Mund, prallte gegen das hochgeklappte Tablett und landete, wie ich mich erinnere, genau im Schoß meiner Nachbarin, die mit verschränkten Armen auf ihrem Sitz schlief.

Ich wunderte mich, dass sie von dem lauten Aufprall nicht geweckt wurde – denn das Ding hatte einen starken Druck -, doch ihre Augenlider zuckten nur kurz, und sie seufzte leise wie ein kleines Kind. Ihre jugendliche, sexuelle Ausstrahlung reizte mich als Mann, gerne hätte ich ihr in ihren dunkelblauen Jeans-Hosenschoß gegriffen und mir das Bonbon geholt, das so aussah wie ein glänzender, dunkler Knopf.

Wir flogen mit einer kleinen “Iberia”-Maschine, die jeweils am Fenster nur zwei Sitze in der Reihe hatte. Wir saßen in Reihe acht. Ich dachte: Soll ich sie wecken und flapsig zu ihr sagen:  “Entschuldigung, Sie haben da etwas, das mir gehört”? Vielleicht würde sie mir das “Ding” zurückgeben und sich womöglich noch entschuldigen. Doch die Umstände waren leider nicht normal, weil die Frau sich vor dem Einnicken wegen eines Gepäckstücks mit mir gestritten hatte. Obwohl ich sie erst seit einer Stunde kannte, spürte ich ihre Abneigung gegen mich, als wäre ein kalter Luftstrom in meinem Gesicht. Sofort stellte sie die Frischluftdüse über ihrem Kopf in meine Richtung. Ein letztes “Leck mich!“, bevor sie sich zum Schlafen zurücklehnte und einnickte. Dabei sah sie ganz sympathisch aus und nicht nach Ärger. Ich hatte beim “Check-in” hinter ihr gestanden, sie war eine unauffällige Frau, vielleicht unter vierzig, in apfelgrünem T-Shirt und  abgeschnittener Jeanshose. Ihr dunkelblondes, schulterlanges Haar hatte sie zwischendurch mit einem Haargummi zu einem Pferdeschwanz gebunden. Neben ihr stand ein etwa gleichaltriger Mann, ebenfalls in Shorts. Er blätterte in einem Golfmagazin, und ich vermutete, dass die beiden in die Golf-Ferien flogen. Auf der Gangway bekam ich mit, dass die Frau etwas von einem Mietwagen sagte, und ich überlegte, ob sie es von ihrem Ferienhaus am Strand weit hätten bis zum  nächsten Lebensmittelgeschäft. Sie freute sich sichtlich auf die Golf-Ferien, und ich hoffte für sie, dass, wo auch immer sie hinfuhren, ein Lebensmittelshop in der Nähe war. Schöne Ferien wünschte ich ihnen. Was einem in einem solchen Augenblick alles durch den Kopf geht!

An Bord stellte ich fest, dass die Frau meine Sitznachbarin war, was mich nicht weiter störte. Ich setzte mich auf meinen Platz am Gang, und es dauerte keine Minute, bis die Frau sich entschuldigte und einige Reihen nach vorn zu dem Mann mit der Golf-Broschüre ging. Er saß ganz vorne in der Kabine auf einem Einzelsitz vor der Trennwand, dem sogenannten Bulkhead-Sitz. Ich weiß noch, dass er mir leid tat, weil ich die Bulkhead-Sitze nicht mag. Große Menschen sind ganz scharf darauf, aber ich liebe wenig Beinfreiheit. Im Flugzeug rutsche ich immer ganz tief in den Sitz und drücke meine Knie gegen die Lehne des Vordersitzes. Beim Bulkhead beträgt der Abstand zwischen Sitz und Trennwand einen knappen Meter, und ich weiß nie, wohin mit meinen Beinen. Hinzu kommt, dass man sein gesamtes Handgepäck im Gepäckfach verstauen muss, und da ist es meistens voll, bis ich in die Maschine komme.

Als der Start angekündigt wurde, kehrte die Frau an ihren Platz zurück, blieb aber etwas gebückt stehen und setzte ihre Unterhaltung mit dem Mann fort. Es interessierte mich nicht, was sie sagten, aber ich hörte, dass er sie Jenny nannte. Der Name passte gut zu ihrer natürlichen Lebhaftigkeit. Das Flugzeug hob ab, und alles verlief ganz normal, bis die Frau mich am Ärmel tippte und auf den Mann zeigte, mit dem sie vorher gesprochen hatte. “He”, sagte sie, “sehen Sie den Typ da vorn?”. Dann rief sie ihn laut beim Namen, Felix, und der Mann drehte sich um. “Das ist mein Mann, und ich wollte fragen, ob Sie nicht mit ihm den Platz tauschen, damit wir zusammensitzen können?”          

“Also, eigentlich…..”, sagte ich, aber ehe ich ausreden konnte, versteinerte sich ihre Miene, und sie fuhr dazwischen. “Wie? Haben Sie ein Problem damit?” “Na ja”, erwiderte ich, “normalerweise würde ich gerne tauschen, aber es ist ein Bulkhead-Sitz, und den mag ich überhaupt nicht.” “Ein was?” “Ein Bulkhead-Sitz”, erklärte ich. “So nennt man die Plätze in der ersten Reihe.” “Hören Sie”, meinte sie, “ich bitte Sie nicht zu tauschen, weil es ein schlechter Platz ist, sondern weil wir verheiratet sind.” Sie deutete auf ihren Ehering, doch als ich mich vorbeugte, um ihr zu antworten, zog sie ihre Hand weg und sagte: “Ach was. Vergessen Sie es.”  Es war, als hätte sie mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Aber anstatt es dabei zu belassen, versuchte ich mich vor ihr zu rechtfertigen. “Der Flug dauert gerade mal neunzig Minuten”, sagte ich schmunzelnd, “und so eine kurze Trennung für zwei Ehepartner kann man doch leicht verschmerzen. Oder muss er nach der Landung in Alicante gleich ins Gefängnis?” “Nein, er muss nicht ins Gefängnis”, konterte sie und hob beim letzten Wort zynisch die Stimme. “Hören Sie”, sagte ich, “bei einem Kind wäre ich sofort einverstanden.” Sie schnitt mir das Wort ab: “Ja, ja, ist erledigt”. Dann wendete sie ihren Blick von mir und sah aus dem Fenster.

In den Augen der Frau war ich ein sturer Bock, einer von den Typen, die anderen niemals einen Gefallen tun. Aber das stimmt nicht. Mir ist nur lieber, wenn der Gefallen von mir kommt und ich mich gut dabei fühle, jedoch nicht, von anderen aufgefordert zu werden. Also gut, soll sie doch trotzen, beschloss ich. Felix hörte auf zu winken und machte ein Zeichen, seine Frau für ihn anzustoßen. “Meine Frau”, rief er im Flüsterton, “ich will sie sprechen.” Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr auf die Schulter zu tippen. “Fassen Sie ich mich nicht an”, fauchte sie, als hätte ich ihr auf den Arm geboxt. “Ihr Mann will sie sprechen.” “Deswegen brauchen Sie mich noch lange nicht so stark zu schlagen.” Jenny löste ihren Gurt, richtete sich in ihrem Sitz auf und sagte mit lautem Theater-flüstern: “Ich hab ihn gebeten, die Plätze zu tauschen, aber er will nicht.” Und dabei rutschte – von ihr unbemerkt – mein Hustenbonbon aus ihrem Schoß, und meine Fantasie ließ mich schlagartig im Stich. Ich schmunzelte über mich, denn für mein Ungeschick war jetzt das Iberia-Reinigungsteam zuständig.