von Martin P. Wedig
Die Gedanken zu diesem Beitrag reiften im Gespräch mit einem gebietsfremden Kollegen während einer Bahnfahrt. Wir maßen mit Stoppuhren die Reaktionszeit von Bahnreisenden bei der „KARTENKONTROLLE“. Ob Blond- oder Schwarzfahrer, jeder weiß was nun folgt. Die Typologien des Deutschen wie anderer Nationen zeichnen sich durch Harmlosigkeiten aus. Die ärztliche Diagnose des Typischen Deutschen ist jedoch ernst und fortschreitend. Wie nun aber der Arzt mit den seinem Fach eigentümlichen Methoden zur gesicherten Diagnose gelangt, veranschaulicht die folgende konstruierte Kasuistik. Es ist noch offen, ob die Diagnose „DEUTSCHER“ im DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) oder im ICD (International Classification of Diseases) aufgenommen werden wird.
Der Arzt nähert sich vorsichtig dem Kranken und spricht ihn freundlich mit sanfter Stimme und ernster Mimik an. Er fragt: „Können Sie zwischen Aufenthalts-, Melde-, Lebens- und Sterbebescheinigung unterscheiden?“ Schlagartig wird dem Kranken der Ernst der Lage bewußt. Klar doch, er kennt sich in Verwaltungsdingen aus, weiß was ein „gelber Schein“ ist. Aber hier stellt ein Arzt Fragen mit weit reichenden Konsequenzen. Das ist ganz anders als ein „Woher und wohin?“ Vorsichtig fragt er nach: „Bin ich pünktlich? Ich komme sonst immer pünktlich zur Arbeit.“ Der Arzt bemerkt am Stocken der Antwort und an der Zwischenfrage den eingeleiteten Prozeß und beschwichtigt: „Sie können sich Zeit lassen mit der Antwort. Ich werde meine Frage später wiederholen. Lassen Sie mich anders beginnen: Kennen Sie den Unterschied zwischen Brötchen und Schrippen?“ Der Kranke sichtlich erleichtert: „Klar doch, beide sind knusprig. Schrippen hab ich zuletzt in Berlin bekommen, die hatten keine Brötchen.“ Der Arzt bestätigt den Kranken in der Richtigkeit seiner Antwort: „Ja doch, das wissen Sie“. Der Kranke sichtlich gefestigt im Vertrauen zum Arzt ist aufmerksam und will alles richtig machen. Der Arzt: „Was sagen Sie, wenn Sie beobachten, wie jemand nachts um 3 Uhr über eine rote Fußgängerampel geht?“ – Der Kranke antwortet schnell aus seiner Erfahrung heraus: „Das geht so aber nicht.“ Der Arzt nickt anerkennend: „Und nun eine schwierigere Frage. Was haben ein Schützenverein, eine Kleingartenordnung, und eine Hausordnung gemeinsam?“ Erleichtert lacht der Kranke: „Das ist einfach. Alle stehen für Ordnung. Das muss.“ Der Arzt: „Na also, das ist hier kein Leistungstest[1]. Sie können das mühelos.“
Der Arzt blättert in Unterlagen und fragt irgendwie nebenbei: „Was tun Sie an Fronleichnam und am Buß‑ und Bettag?“ Der Kranke gesellig: „Ich trink mir da ein Bier, wir haben hier frei. Mein Schwager, der muß dann malochen.“ Der Arzt mehr zu sich als zu dem Kranken: „Nit jeder, wo schnell schwätzt, sait ebbes gscheits.“ Der Kranke: „Wir sagen » Ja Herr schmeiß Hirn raa, jedz hod der des Bredd falsch rom no gnagld.“ – „Bei dem Kerle isch au Hopfa ond Malz vrlora … «, worauf der Arzt seine Brille absetzend von seinen Unterlagen aufschauend dem Kranken wortlos in die Augen blickt. Dann äußert er kurz „Datenschutz“. Der Kranke intoniert prompt eine Arie zum Schutz seiner Daten einschließlich seiner auf dem Deutschlandticket imprägnierten Schuhgröße, welche der Arzt mit dem Wort „Feierabend“ mühelos unterbricht.
Der Arzt eröffnet: „Sie zeigen keine Alarmsymptome[2]“ – Der Kranke, will sofort erleichtert erwidern, doch der Arzt setzt mit unterstreichender Handgebärde fort: „…Alarmsymptome, wie fehlende Reaktionen, dagegen haben sie lebhafte Reflexe. Aber ihr Leitsymptom[3], ihre hohe Kompetenz mit Verwaltungssystemen und Bürokratie[4], hat sie rechtzeitig in unsere Einrichtung geführt. Ihre Kardinalsymptome Planung, Ordnung, Verlässlichkeit sind diagnostisch richtungsweisend, aber nicht beweisend. Die Schrippen und der Schützenverein weisen die diagnostische Richtung. Ich – verstehen sie mich richtig, es ist ein Verdacht – stelle die Verdachtsdiagnose eines D-Syndroms.“ Der Kranke: „Was Ernstes?“. Der Arzt: „Wir machen noch einige bestätigende Untersuchungen, aber eines kann ich Ihnen schon mal sicher sagen. Ein Engländer, Franzose oder Türke sind sie nicht.“ Nun strahlt der Kranke. Er ist also bei einem richtigen Arzt gelandet, der Bescheid weiß. Aber in der Stimmung umschlagend kommen dem Kranken Bedenken: „Was soll ich meiner Frau sagen? Und wirkt sich das auf meine Kinder aus?“ Der Arzt: „Sie werden damit leben, lebenslang.“ Der Kranke: „So ernst ist es?“
Der Arzt: „Ernst, aber nicht hoffnungslos. Wir haben viele Verfahren.“ Um aber endgültige Gewißheit zu erlangen, nun bitte ihre Melderegisterauskunft und ihre Einbürgerungsurkunde. Dem Kranken, diese nicht bei sich führend, treten kleine Schweißperlen auf die Stirn. Der Arzt durchbricht diesen qualvollen Zustand der verantwortungslosen Ungewißheit mit dem Zuruf „Kartenkontrolle“[5]. Und prompt zückt der Kranke seinen Personalausweis nebst Reisepaß. „Na also, ein Deutscher“, schließt der Arzt den diagnostischen Dialog ab. Für sich: „Die Anamnese, die Wiedererinnerung der Krankheit, ist ein unverzichtbarer Teil ihrer Behandlung.“
[1] Ein Leistungstest ist nicht Teil des diagnostischen Gesprächs, sondern folgt als Instrument zur Befunderhebung (https://libdoc.whz.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/15344/file/Bachelorthesis.pdf).
[2] Wie Groß- und Breitenkreise bestimmen Leit- und Begleitsymptome den Ort auf einem Sphäroid.
Alarmsymptome bestimmen die Gefahrenlage (https://www.researchgate.net/publication/378207309_Tatsache_Gluck_kontert_tatsachliche_Leiden_Luck_-matter_of_act_-counters_crosses_-matters_of_facts).
[3] Ein Leitsymptom weist die Richtung, ein Begleitsymptom fixiert die Koordinaten einer Krankheit (https://api.aerzteblatt.de/pdf/113/8/m136.pdf).
[4] Vergleiche hierzu das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) , das die Wege zum Arzt regelt.
[5] Ruf des Zugbegleiters, der zügigen Nachweis einer gültigen Fahrtberechtigung nebst Lichtbildausweis auslöst – ein Spezifikum des D-Syndroms.