von Ute Lenke
Kaum ein deutsches Wort bündelt Pflichtgefühl und Freiheitsversprechen so knapp wie „Feierabend“: Es beendet nicht nur die Arbeit, sondern eröffnet den Teil des Tages, der wirklich einem selbst gehört.
Feierabend
Ordnung, Pünktlichkeit, Fleiß: Diese schönen Eigenschaften werden oft mit deutschen Tugenden verbunden, auch wenn sie in letzter Zeit ein wenig in Verruf geraten oder, genauer gesagt, in Vergessenheit geraten sind. Untrennbar damit verbunden ist das Wort „Feierabend“ – in Fremdsprachen kaum wörtlich übersetzbar, und seine Wichtigkeit im deutschen Arbeitsleben ist für Menschen ohne unseren kulturellen Hintergrund erklärungsbedürftig. Es bedeutet nicht nur das Arbeitsende, sondern auch den Beginn selbstbestimmter Zeit.
Arbeit ist Pflichterfüllung: Pünktlich nach acht Stunden klappt man den Laptop zu, räumt den Schreibtisch oder Arbeitsplatz auf – Ordnung muss sein! –, wünscht Kolleginnen und Kollegen „Feierabend!“ und geht oder fährt nach Hause.
Am nächsten Morgen beginnt der Arbeitstag wieder mit einem knappen „Morgen“ oder, etwas fröhlicher, „Morgähn“; norddeutsch heißt es „Moin“. Pünktlich zur Mittagspause tönt es von allen Seiten „Mahlzeit“, schließlich „Feierabend“ – und dann beginnt der eigentliche Tag.
Arbeitszeit ist gesetzlich geregelt, der Feierabend gewerkschaftlich garantiert. Er markiert das Ende der Pflichtarbeitszeit; wenn der Chef anruft, geht man nicht ans Telefon. Der Feierabend gehört der Freizeit, der Familie, dem Privatleben: Man genießt ihn beim Feierabendbier, beim Grillen im eigenen Garten oder Schrebergarten, im Verein, beim Sport – aktiv oder auf dem Sofa. Es soll sogar vorkommen, dass sich jetzt die Heimwerkermärkte füllen und Hobby- oder Profi-Handwerker zur Höchstform auflaufen.
Hätten Sie’s gewusst?
Unser modernes Verständnis von Feierabend hat eine lange Tradition.
Im mhd. virabent findet man das Wort schon sehr früh im 13. Jahrhundert. Es bezeichnete den Vorabend vor einem Feier- oder Festtag, die es im Mittelalter reichlich gab. Der Vollständigkeit halber sei auch die übertragene Bedeutung erwähnt: „Jetzt ist Feierabend“ kann heißen: „Jetzt ist Schluss“ – etwa mit Meckern oder Ähnlichem –, aber auch anzeigen, dass jemand gestorben ist: „Dör mok he fierabend“, da starb er; derber: „Jetzt hat der Arsch Feierabend“, jetzt ist es aus.

(Foto G.Freihalter, Lizenz CCA-SA3.0)
Eine andere Version sagt, dass ihn eine Heilige erfunden hat – oder wenigstens seine Beschützerin gewesen sein soll: die heilige Notburga von Rattenberg (1265? bis 13. September 1313). Der Sage nach weigerte sie sich einst, zur Erntezeit Überstunden zu machen; sie bestand auf pünktlichem Arbeitsende, um wie gewohnt zum Angelusgebet beten zu können. Ihr damaliger Arbeitgeber verweigerte ihr den „Feierabend“, woraufhin sie erbost ihre Sichel wegwarf, die plötzlich als Sichelmond, also als Neumond, am Himmel erschien. Erschreckt gab der Bauer nach, und seitdem gilt das Angelusläuten der Kirche besonders in ländlichen Gegenden noch immer als Signal zum Feierabend. Daher rührt wohl auch die Redensart „den Feierabend einläuten“ – auch wenn heute kaum noch jemand nach getaner Arbeit die Hände zum Gebet faltet.
Der pünktliche Feierabend am Ende der (Pflicht-) Arbeit ist darum auch in unserer modernen Zeit mehr als nur das Ende der bezahlten Arbeitszeit: Er ist dem Deutschen fast schon heilig.
Quellen:
Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Bd. 1
DTV: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen
Wikipedia: Notburga von Rottenburg.
Asfa-Wossen Asserate: Draussen nur Kännchen. Meine Deutschen Fundstücke
(Empfehlenswerte Lektüre: wohlwollender unterhaltsamer Blick auf zahlreiche Beispiele deutscher Eigenheiten, leider nur noch antiquarisch erhältlich.)