von Peter Schallock
Typisch Deutsch? Na und? Das hat doch auch seine Vorteile: Man weiß sofort, mit wem man es zu tun hat!
Endlich Urlaubszeit, wir sind wieder im Süden, auf unserer geliebten Mittelmeerinsel!
Sicher, der deutsche Sommer macht mittlerweile den alljährlichen Ausflug in noch wärmere Gefilde überflüssig. Und als Rentner bin ich eigentlich nicht mehr darauf angewiesen, in der Haupturlaubszeit zu verreisen. Aber die Sommertage auf unserer heißgeliebten Insel, auf der wir seit Jahren regelmäßig zu Gast sind, lassen wir uns nicht nehmen. Und manche meiner Landsleute denken offensichtlich ganz genauso. Wir Deutschen stehen halt zu unseren Gewohnheiten!
Wir sind gestern spät angekommen, deswegen lassen wir es langsam angehen. Für mich beginnt jetzt tatsächlich der Urlaub, mit einem gemütlichen Frühstück. Im Frühstücksraum ist es unüberhörbar: Man spricht auch deutsch, jetzt gerade an der Wurst- und Käsetheke.
Nach dem Frühstück geht es erst mal an den Pool, eine Runde Schwimmen wäre angenehm, und dabei die noch milde Sonne genießen. Dummerweise scheinen die Sonnenliegen alle besetzt, von den Handtüchern auf den verwaisten Liegen grüßt die Prominenz der deutschen Bundesliga: Bayern, Eintracht und Borussia!
Am späten Nachmittag, wir sind gerade vom Strand zurückgekehrt, haben wir mehr Glück und finden Platz. Ein paar Landsleute sind auch noch da, lesen die zwei Tage alte Zeitung mit den vier Buchstaben oder klagen gegenseitig darüber, wie schlimm es doch daheim geworden sei: Zu viele Ausländer, mieses Fernsehprogramm, kaputte Straßen, überall Schmutz, und der deutsche Fußball sei international auch nur noch zweitklassig. Man fühlt sich fast wie am Stammtisch.
Immerhin: Am nächsten Morgen sind wir vorbereitet. Zwar sehe ich, wie im Morgengrauen ein paar Damen schlaftrunken vor dem Frühstück eifrig die besten Liegeplätze requirieren, bevor sie zu Wurst und Käse aufbrechen. Aber noch gibt es Platz, also schnell hinterher, und gleichfalls zwei Liegen besetzen! Man passt sich an, sonst hat man das Nachsehen.
Die ganz Unerschrockenen finden es völlig in Ordnung, frühmorgens die besten Liegeplätze für sich zu reservieren, um dann erstmal für einen Ausflug bis zum späten Nachmittag zu verschwinden. Man kann ja nicht ständig nur Rücksicht nehmen, schließlich ist man im Urlaub.
Zugegeben, auch andere Nationalitäten haben schnell kapiert, worauf es beim Kampf um die besten Plätze am kleinen Teutonengrill ankommt. Aber wir Deutschen haben da schon einen gewissen Ruf zu verteidigen.
Keiner radelt so chic wie wir
Deutsche Gründlichkeit macht selbst vor unseren Hobbys nicht halt. Nein, wir machen keine halben Sachen. Man nehme nur die neue Liebe der Deutschen zum Radfahren: Zum E-Bike, um genauer zu sein. Gerade ältere Radler scheinen auf ihrem flotten Zweirad zuweilen in eine Art Freiheitsrausch zu verfallen. Man glaubt seinen Augen nicht mehr, wenn eine ältere Dame scheinbar unbekümmert in einem Anflug von freiheitlichem Anarchismus über die rote Ampel radelt – und nur knapp dem aufbrausenden Seitenverkehr entkommt. Oder die Straße überquert und einen ankommenden Autofahrer zur Vollbremsung zwingt. Nun gut, ein Bekannter hatte dafür die schnöde Erklärung, nicht jeder, der jetzt so abenteuerlich auf einem E-Bike die Welt erkundet, habe sein Gefährt wirklich im Griff. Das könne schon mal gefährlich werden.
Aber zurück zum eigentlichen Thema. Die Niederländer beispielsweise kloppten lange ihre Witze über die Gründlichkeit des deutschen Radfahrers. Wenn sich dieser ordentlich vorbereitet im engen Radlerdress zeigte, verfielen bösen Stimmen angeblich schon mal in eine belustigte Fachsimpelei über Wurstpellen. Und dass deutsche Radfahrer gerne einen Helm trugen, schien gerade den niederländischen Nachbarn übertrieben, wenn nicht gar bizarr. Wer in den Niederlanden Radfahrer sieht, weiß warum. Dort ist das Rad ein stinknormales Verkehrsmittel, bei uns wirken Alltagsradler schon mal, als würden sie sich auf die Tour de France vorbereiten. Wenn schon, dann richtig!
Was die Helme angeht, haben die Niederländer allerdings ihre Meinung geändert, sie tragen jetzt selbst schon mal einen. Angeblich liegt das daran, dass auf den einst so gemütlichen Radwegen des flachen Landes oft auch E-Roller ihr Unwesen treiben und das Radfahren deswegen immer riskanter geworden sei.
Immer wieder sonntags
Stellen Sie sich vor, es ist Sonntag und Sie fragen sich, in welchen Land Sie sich gerade befinden. Sehen Sie eine Großfamilie, die den größten Teil des Tages bei einer Ewigkeiten währenden Mahlzeit verbringt? Richtig, Sie sind in Frankreich. Können Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen, die Landesgrenze gen Osten erkennen und dahinter Scharen von Radfahrern und Wanderern, dann wissen Sie, da hinten liegt Deutschland.
Auf dem platten deutschen Land gingen die Menschen früher am Sonntagvormittag zum Gottesdienst, danach zum Frühschoppen. Für Trinkfreudige war der Tag dann schon gelaufen. Wenn der Herr des Hauses noch konnte, verbrachte er den Nachmittag auf dem Sportplatz, wo er, entsprechend aufgewärmt, den mehr schlecht als recht kickenden Dorfverein in Grund und Boden brüllte. Währenddessen genoss die Ehefrau die unerwartete Ruhe im Haus und mit Frau Nachbarin ein leckeres Stückchen Torte. Heute ist das alles anders, da ist der Sportsgeist gefordert – bevor wir uns auf den Kuchen stürzen. Immer schön der Reihe nach!
Haute Cuisine, deutsche Version
So manches, was man schon mal leicht abfällig als „typisch deutsch“ belächelt, macht nicht nur Sinn, es übt auch auf Fremde einen eigentümlichen Reiz aus. Selbst Besucher vom amerikanischen Kontinent oder erstaunte Asiaten genießen gerne und oft die hochentwickelte deutsche Küche, wie z.B. den Bestseller Bratwurst (oder die Currywurst als moderne Version), Sauerkraut und natürlich das obligatorische Schnitzel – das trotz seines italienischen Ursprungs längst in die heimische Küche eingedeutscht wurde. Dazu gehören natürlich das eine oder andere Glas Gerstensaft, der ja in Bayern gar als Lebensmittel geadelt wurde – und schon bald singt und pfeift selbst der exotischste Gast ausgelassen zu Helene Fischer, Heino oder anderen deutschen Vorzeigekünstlern.
Andererseits ist Deutschland natürlich nicht nur das Land fetttriefender oder zuckerreicher Delikatessen, sondern auch der Bioläden und der gesunden Ernährung. Ernährungsbewusste bevorzugen beispielsweise Müsli und Vollkornbrötchen zum Frühstück, anders als in südlichen Gefilden, wo die angeblich so gesunde Mittelmeerkost durch Weißmehlprodukte „bereichert wird“. Was andererseits wieder die Frage aufwirft, warum die zuweilen chaotischen Franzosen trotz Croissants und Baguette eine höhere Lebenserwartung haben als wir disziplinierten Deutschen.
Der Deutsche von weitem…
Mittendrin ist es natürlich schon mal schwierig, das „typisch Deutsche“ zu erkennen. Leichter wird es dann, wenn man einige Zeit außer Landes verbringt. Dann fehlen einem plötzlich die guten deutschen Kartoffeln, oder die Vielfalt bei den Backwaren, Schwarzwälder Kirschtorte inbegriffen.
Manchmal ist solcher Abstand durchaus lehrreich: Wer z.B. ständig darüber schimpft, der deutsche Sozialstaat werfe das Geld zum Fenster hinaus, könnte dann im Nachbarland erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass dort Kindertagesstätten, Ganztagsschulen oder auch Altenheime zahlreicher und besser ausgestattet sind. Oder dass nicht nur Deutschland das Klima rettet.
Im Land der Meister, Ingenieure und Verbrenner-Autos, der Heimat von Dichtern, Denkern und (saarländischen) Schwenkern ändert man seine Meinung nicht von heute auf morgen. Man setzt lieber auf Bewährtes, koste es was es wolle, und oft auch noch, wenn rundherum die Welt längst alles anders macht. Starrsinnig kann er schon sein, der Deutsche, oder, um es freundlicher auszudrücken, stark an Traditionen oder manchmal in Stein gemeißelten Einstellungen orientiert. So wie unsere Nachbarn zuweilen auch, nur oft eben etwas oder ganz anders: unverkennbar deutsch halt.
Alles fließt
Der Deutsche lebe, um zu arbeiten, hieß es mal. Fast schon neidisch schauten wir auf die Nachbarn, bei denen die Lebenseinstellung eine völlig andere zu sein schien: Man arbeitete, um (gut) zu leben.
Vertreter der Wirtschaft und unsere Politprominenz schimpfen heute, wir Deutschen hätten aufgeholt, seien zu bequem geworden und mittlerweile fast nur noch an unserer Work-Life-Balance interessiert.
Ganz gleich, ob das jetzt großer Blödsinn ist oder ob solche Aussagen einen Funken Wahrheit beinhalten: Es ist eben alles im Fluss, wie es so ungefähr einst ein griechischer Philosoph ausdrückte. Und was gestern vielleicht noch typisch deutsch war, ist es morgen vielleicht schon lange nicht mehr.
„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ (Wolf Biermann)