von Maria Schmelter
Zum Thema “Typisch deutsch” wollte mir erst mal nichts einfallen. Vielleicht war es unsere NS-Vergangenheit, die mich nicht stolz auf Deutschland sein ließ.
Ich erinnere die Fußballweltmeisterschaft 2006, die in Deutschland ausgetragen wurde. Da tauchten erstmals en masse deutsche Flaggen und andere Symbole in den Farben der Nation auf. In guter Erinnerung ist mir – ich bin gar nicht fußballbegeistert – die gute Stimmung, die auf öffentlichen Plätzen herrschte. Da erlebte ich Deutschsein ohne Scham.
Bei meinen Reisen ins Ausland war ich immer sehr neugierig, zu erfahren, wie andere Menschen leben, und es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, dort ein deutsches Schnitzel essen zu wollen, gab es doch so viele fremdländische Köstlichkeiten, die ich noch nicht kannte. Angesichts unseres Umgangs mit Flüchtlingen schäme ich mich oft dafür, wie wir mit ausländischen Menschen umgehen.
Was sind denn typisch deutsche Eigenschaften?
Pünktlichkeit: da bin ich dabei, eher 5 Minuten zu früh als zu spät, aber ich kenne auch genügend Deutsche in meinem Umfeld, denen diese Eigenschaft gänzlich fehlt.
Sauberkeit: ein penibel sauberes Umfeld ist mir eher fremd, da denke ich, wie viel sinnvoller ich meine Zeit verbringen kann, als Staubflocken hinterherzujagen. Auch wenn es mich stört, wenn im Park die Mülleimer übervoll sind oder der Müll neben den Mülleimern verteilt ist, denke ich eher, sollen sie doch Mülleimer mit Deckel aufstellen oder dort, wo viel Müll anfällt, öfter leeren. An Müllsammelaktionen beteilige ich mich nicht.
Starre Ordnungen, die wir Deutschen angeblich lieben, sind mir ein Dorn im Auge. Ich ärgere mich z. B., dass an den langen hellen Abenden das Schwimmbad um 20.00 Uhr schließt und dass an kühlen, regnerischen Tagen trotzdem alle Bademeister im Einsatz sind. Da wünschte ich mir viel mehr Flexibilität. Überhaupt sind mir starre Regeln, die keine Ausnahme (in begründeten Einzelfällen) zulassen, sehr suspekt. Und ein „das haben wir schon immer so gemacht“ kommt mir nicht über die Lippen. Regeln, die mir einleuchten, wie z. B. die Mülltrennung, befolge ich gerne.
Ich bin ein zufällig in Deutschland geborener Mensch, mit menschlichen Eigenschaften, von denen nur wenige typisch deutsch sind. Ich erlebe es mehr als Bereicherung, dass in Deutschland nicht nur deutsche Menschen leben, und dem ausgrenzenden Nationalismus sehe ich eher mit Grausen entgegen.