Deutscher  Starrblick – was ist das?

von Barbara Heinze

Uns ist sehr wohl bewusst, dass es verschiedene Angewohnheiten und spezielle Eigenschaften der Deutschen, sogenannte Klischees, gibt, wie zb. Socken in Sandalen, Abendbrot, Pünktlichkeit, so wie die Franzosen ihr Baguette haben oder die Japaner ihre Begrüßungsverbeugung. Aber von dem „german stare“ hatte ich noch nie gelesen oder gehört. Jetzt bin ich durch den Artikel von Kerstin Greiner und Enya Weidner“ aufgeklärt worden: Der intensive Blick der Deutschen ist so genannt, er ist direkt, unverhohlen, aber auch irritierend.

Meine persönliche Erfahrung ist die, dass ich durchaus gelegentlich gründlich und ausdauernd ein Kleinkind ansehe und dann anlächele und das Kind genauso interessiert zurückschaut. Auch bei der Bahnfahrt bin ich versucht, herauszufinden, in welcher Zeitung die Person, an der ich vorübergehe, liest; dann schaue ich aber gleich weg, ohne dass es hoffentlich bemerkt wird.

Kerstin Greiner schreibt, dass andere Kulturen andere Strategien für Blickkontakt haben: „die Amerikaner machen small talk, die Franzosen tun so, als dächten sie an Sartre, Südländer schießen ein Feuerwerk von Mimik und Gestik ab. Wahrscheinlich ist unser Blick eher Ruhemodus als Aktion, Menschen geraten in unser Starrfeld wie Vögel in den Lichtkegel eines Leuchtturms.“ (1)

Im Internet wird der „german stare“ heftig diskutiert, in Tiktok und Instagram finden sich kurze Videos aus Zügen und Cafés. Der deutsche Blick erinnert an den eines Fahrkartenkontrolleurs oder Finanzbeamten. Da ich Instagram und Tiktok nicht nutze, ist mir dieser „hype“ um den deutschen Starrblick bisher offenbar entgangen. In Japan gilt dieser Blick als unhöflich oder aufdringlich, in Deutschland steht er für Aufmerksamkeit, Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bereits Babys im Alter von 2 Tagen länger in die Augen gucken, die sie direkt ansehen. Die Amygdala in unserem Gehirn, zuständig für Bedrohungserkennung, feuert bei Augenkontakt in Millisekunden. Die Frage, wie lange Blickkontakte angenehm sind, fällt für Briten und Deutsche unterschiedlich aus. Engländer, so wird berichtet: Menschen im öffentlichen Raum schauen kurz hin und danach demonstrativ weg, sozusagen als höfliche Nichtbeachtung.

Meine persönlichen Erfahrungen sind, dass wir eigentlich zu wenig und nicht intensiv genug die Leute anschauen. Ein freundliches Grüßen, ein längeres In-die-Augen-Schauen wird in der Regel sehr dankbar aufgenommen. Das Anschauen und Beachten als solches ermutigt in der Regel zu einem weiteren Gespräch, weil das Gegenüber erfreut ist über die Aufmerksamkeit und nicht befürchten muss, abgewimmelt oder gar aggressiv behandelt zu werden.

Der Deutsche beobachtet, weniger aus Neugier, er protokolliert zur Kontrolle. Der deutsche Blick ist weniger inszeniert, es gibt keine aufgesetzte Freundlichkeit und Zuckerwatte-Mimiken. Aber wenn, dann meinen sie es ernst. Deutsche Schauspieler wie Sandra Hüller, Lars Eidinger oder Udo Klier sind auch wegen ihres intensiven, unverstellten Blicks in ihren Schauspielrollen international bekannt geworden.

(1) Süddeutsche Zeitung Magazin vom 10.07.2026, Seite 16-17 / Magazin