Wir müssen reden und können es nicht

von Barbara Heinze

 Eine Buchempfehlung. Aber es geht um ein Thema, das immer noch, nach so vielen Jahren und Jahrzehnten, uns Frauen betrifft. Da ich selbst erstens wenig davon betroffen bin und auch
journalistisch nicht erfahren, finde ich dieses Buch, das neu erschienen ist, nicht nur wichtig sondern auch gut geschrieben: Joseph Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht, Suhrkamp Berlin 2026.

Als ich heute die Buchrezension der Süddeutschen Zeitung las (Josef Winkler: „Ich habe nur ein einziges Herz“ vom 14./15.03.2026) wurde ich an ein eigenes Erlebnis erinnert, das ich in den 80iger Jahren im Bayerischen Wald hatte.

Damals arbeitete ich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Ich wurde dort von einer Mitarbeiterin zu sich nach Haus eingeladen. Sie erzählte damals auf der langen Fahrt von München zu Ihrem bäurischen Elternhaus, dass sie gerne Medizin studiert hätte, aber nicht durfte. Darüberhinaus schilderte sie Situationen im Elternhaus, an die ich mich nicht mehr im Einzelnen erinnere, aber ihre Erzählungen schockten mich, es ging um Missbrauch in der Familie. Immerhin gelang es ihr, sich gegen die Eltern zu behaupten und sich vom Elternhaus abzulösen, was ihren Geschwistern offensichtlich nicht gelungen ist. Sie konnte dann eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin abschließen und sich somit finanziell unabhängig machen. Durch ihre Erzählungen „sensibilisiert“ empfand ich den Besuch in ihrem Elternhaus als „alptraumhaft“. Es wurde so gut wie nichts geredet, es lag ein beklemmendes Schweigen in der Luft. Ich vermute, dass diese Ex-Kollegin mir mehr erzählen wollte, aber es nicht geschafft hat, weil wir uns erst wenige Monate kannten. Jedenfalls ist mir diese „dunkle“ Geschichte auch 40 Jahre danach noch in Erinnerung. Da ich kurz danach von München nach Ulm gezogen bin, ist der Kontakt abgebrochen-

Winklers im Jahr 1984 erschienener Roman „Muttersprache“ handelt von einem Leben auf einem Kärntner Bauernhof: es geht um „familiäre Gewalt, Schatten der NS-Vergangenheit und Katholizismus, deren Schatten über allem liegt wie ein schweres Messgewand“. Seine realistischen Schilderungen stehen im Kontrast zu seiner poetischen Sprache.  Sein neuer Roman,  ist die Fortsetzung von „Muttersprache“, aber dem Schicksal der Frauen seiner Familie gewidmet. In „Muttersprache“ sind es die Männer (Väter, Lehrer, Geistliche), die physische und psychische Gewalt ausüben. In seinem neuen Buch sind es die Opfer, wie die Schwester Maria, die „damische“. Aber – „die Schönheit der Sprache von Winkler lässt einen die hässliche Welt aushalten“.