Die Stille

von Angelika Oppermann

Sie haben lange miteinander gesprochen, der ganze Abend floss dahin.

Die Nacht um sie herum ward dunkel, die Worte flossen hin und her.

Sie sahen einander in die Augen und konnten doch nur Oberflächen sehen.

So langsam aber wurde es stiller, so langsam wuchs auch das Verstehen.

Die Pausen wurden immer länger, das Schweigen breitete sich aus.

Es gab so Wichtiges zu sagen, dass sie fast vor dem Lauf der Zeit verzagten.

Sie wollten diese Kostbarkeit mit vielen Worten nicht vergeuden.

Sie begannen, auf das zu hören, was nicht gesagt wurde und auf die Art, wie es verschwiegen blieb.

Wie er das Weinglas hob und das Kerzenlicht betrachtete, das sich in der Flüssigkeit spiegelte, flackerte, wie ein Tanz; die Zeit blieb stehen.

Wie ihre Hoffnung aus dem Herzen drängte den ganzen Brustkorb entlang, in ihre strahlenden Augen strömte und ihre Lippen lächeln ließ, ganz fein und leicht.

Wie er behutsam staunend mit seinem linken Daumenrand die allerkleinste Falte aus dem Tischtuch strich.

Und wie ihr Blick dem glattgestrichenen Stoff entlang folgte, als ob nichts anderes wäre in der Welt in diesem Augenblick.

Wie sie im Gleichklang atmeten, wie abgestimmt, doch gänzlich selbstvergessen.

Wie millionenfach mehr das aussagte, das klärte, das entwirrte und entzerrte.

Und als die Kirchturmuhr schlug, mitten in das sprechende Schweigen hinein, wie ein Botschafter aus einer fernen Welt, da war alles ausgesagt, alles beruhigt, alles in Berührung, alles Eines.

Sie hatten lange miteinander gesprochen.

Aber das befreiende Zauberwort, das sprach zu später Stunde, in der Ahnung beginnender Morgenröte, der Klang der Kirchturmsuhr.