Die Kunst der Rede

von Beate Seelinger

Die Kunst der Rede im Jahr 2026? Wir vermissen sie geflissentlich. Gibt es das mit „Kunstverstand“ gesprochene Wort überhaupt noch? Wir ziehen es allenthalben vor, digital zu kommunizieren, jagen Nachrichten durch die Kanäle und empfinden es schon beinahe als absonderlich und beunruhigend, wenn wir aufgefordert werden, uns länger und ausführlich der freien Rede zu bedienen. Wir begegnen ihr noch, der freien Rede, im Fernsehen, im Radio, bei kulturellen Veranstaltungen, jedoch im Alltag erweist sich der Sprachgebrauch fortschreitend reduziert. Nicht in der Menge der Äußerungen – da reden wir eigentlich immer mehr – und wir müssen uns noch immer verständlich machen, wenn wir etwas wollen. Jedoch in der Qualität.

Galoppierende Sprachverflachung

Man spricht in der Literatur von „flat characters“, wenn man eindimensionale, schwarz/weiß-gezeichnete, psychologielose Figuren meint. Entsprechend könnte man heute von „flat speech“ sprechen. Angelehnt an die ökonomisch reduzierte Sprache in den sozialen Netzwerken, verliert die Alltagssprache zunehmend an Tiefe und Facettenreichtum. Von der schier unendlichen Vielzahl an Verben und Adjektiven im Deutschen (ich kann nur für meine Muttersprache sprechen, vermute jedoch eine ähnliche Entwicklung in anderen Sprachen auch) gelingt es nur noch den am meisten gängigen an die Sprachoberfläche zu gelangen. Eine Vielzahl junger Leute kennt gar nicht mehr die Bedeutung selten gebrauchter Wörter, so scheint es. Wir Älteren wurden schon in der Grundschule darauf aufmerksam gemacht, dass es außer „tun“ und „machen“ eine große Menge anderer Verben gäbe und dass diese – wolle man gut schreiben und reden – vorzuziehen seien. Ich will nicht sagen, dass man sich heute alleine in „tun“ und „machen“ ausdrückt, jedoch die Besinnung auf die Vielschichtigkeit der Sprache scheint nicht mehr als Lernziel zu gelten. Offenbar ist man froh, wenn die Schüler überhaupt noch einen zusammenhängenden Text in Rede oder Schrift zusammenbekommen.

Seltsame Sprachphänomene

Es ist nicht so weit her mit der gesprochenen Sprache heutzutage. Man beobachtet bei jungen Menschen ein irritierendes Sprachtempo, als müsse man die geballte Ladung an (Schein-)information in höchst begrenzter Zeitspanne an den Mann bringen. Dieses Phänomen ist nicht nur im täglichen Sprachgebrauch, sondern auch bei Schauspielern, Moderatoren, Nachrichtensprechern und Radiokommentatoren zu beobachten. Aufgrund dessen kommt es häufig zu einer für diese Vertreter von kulturellen Gegebenheiten unangenehmen und unangemessen undeutlichen Ausdrucksweise, die oft den ganzen Redeevent verdirbt. Zudem zieht in eben diese Bereiche zunehmend Alltagssprache ein, was sich in der gewöhnlichen Wortwahl und in nerviger Flapsigkeit niederschlägt. Die an sich neutral gedachte Berichterstattungssprache erweist sich infolgedessen oft genug als tendenziös und verliert an Sachlichkeit. Früher waren Radio und Fernsehen – andere Kultureinrichtungen sowieso – mit einem Bildungsauftrag ausgestattet. Dieser betrifft noch heute – und heute aufgrund der Sprachentwöhnung wegen digitaler Einflüsse noch mehr – auch die Sprache. Hier könnte Sprache „gepflegt“ werden, damit sie uns erhalten bleibt.

Ein Beispiel aus dem verbalen Alltag

Stattdessen hat man oft den Eindruck eines gehetzten Sprachsalates, der Erbauung weiß Gott nicht mit sich bringt. Von den Inhalten ganz zu schweigen. Ich habe mich endgültig von meinem Alltags-Rock-und-Pop-Sender abgewandt, als man sich dort einen halben Morgen lang darüber unterhielt, ja sogar Interviews führte, wie herum eine Klorolle aufzuhängen sei. (Wenn man das corpus delicti wenigstens noch Toilettenpapier genannt hätte! Nein, man sprach explizit von Klorolle.) Man darf doch mal bitten! Jenen Sender hören vorwiegend junge Leute. Vermittelt man dieser Altersgruppe diese Inhalte als lebensrelevant? Dieser Sender und andere dieser Art senden den ganzen Tag lang sozusagen ein Nichts an aussagekräftiger Information. Nachrichten sind auf das Spärlichste gekürzt und die Betonung liegt auf Unterhaltung auf Teufel komm raus. Ist dies heute  unser Ideal: mehr als seichte Unterhaltung bis der Arzt kommt? Bildungsauftrag? Wohl kaum. Eine akustische Katastrophe, weil ebenso die aktuelle Musikszene in Pop und Rock verbal offenbar nichts mehr zu sagen hat. (Seltene Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel.)

Hoffnung am Horizont

Es  g i b t  jedoch auch heutzutage noch die verbal elaborierten Sendungen und Performances, so ist es nicht. Noch immer kann man sich an eloquenten Moderatoren und Kulturschaffenden erfreuen. Die Rede oben ist vom Populären. Man muss allerdings befürchten, dass dies den meisten Raum in der Öffentlichkeit einnimmt und die Meinungsmache beherrscht. Von daher droht Gefahr. Schlicht gesagt, Gefahr des Niedergangs der Sprache.

Unsere Sprache ist essentiell

So steht zu befürchten, dass unsere Sprache auf dem besten Weg ist, zu verkommen, durchaus jedoch eingedenk der zahlreichen Menschen, die sich noch vernünftig ausdrücken. Nicht allein wegen der digitalen Medien. Das Leben ist zu schnell und ablenkungsüberfüllt geworden für überlegte und wohl gesetzte Rede, und den „Normalbürger“ verlockt nur selten der ausgewählte Stil der Literatur, der ihn belehren könnte. Einfach keine Zeit, keine Muße. Sprache und Inhalte der Tageszeitungen lassen gerade in diesen Tagen wirklich kritische Auseinandersetzung vermissen. Kennen wir das noch: Argument und Gegenargument und Conclusio? In zahlreichen sprachlichen Bereichen lässt sich allenthalben ein langweiliger  und belangloser Einheitsbrei – inhaltlich – und ein ebenso langweiliger und belangloser Einheitsbrei – sprachlich – ausmachen. Wie sollen wir da zur Kunst der Rede gelangen? Offenbar eine Kunst, die wir verlernen. Im Parlament, wo sie noch am vornehmsten geübt werden sollte, am allermeisten. Statt dessen ein immer rüderer, gewöhnlicherer Ton, wohin man auch hört. Sage mir, wie du sprichst und ich sage dir, wer du bist. Flat characters sprechen flat speech, dessen sollten wir uns bewusst sein. Wollen wir das, reicht uns das? Werden wir damit unserer komplizierten Welt Herr? Wohl kaum. Sprache ist ein Vehikel, ein Werkzeug. Wir brauchen sie in ihrer Ganzheit, um die Ganzheit unserer selbst zu kommunizieren und zu erfahren. Verlieren wir sie, verlieren wir uns. Aus verflachter Sprache resultieren verflachte Menschen.