von Cornelia Kutter
„Mathilda, wir müssen reden!“ Wenn mich meine Mutter mit vollem Namen anspricht, verheißt es nichts Gutes. Sonst nennt sie mich Tilda. Und um mich gerne mal vor meinen Freunden zu ärgern, bevorzugt sie Tildchen.
Ach, diese Jugend:
„Dein Klassenlehrer hat sich beschwert, dass du in der Stunde kryptische SMS schreibst. Was soll das? Und dann noch mitten im Unterricht; das geht gar nicht!“ „Quatsch Mama, ich zeige dir gerne die SMS, die ich an meine derzeit kranke Freundin Lisa geschickt habe. Das war wichtig. Soll ich sie etwa in der Stunde anrufen? Außerdem kann ich trotzdem dem Unterricht folgen. Das nennt sich Multitasking.“ „So, so, junge Dame, dann wollen wir doch mal sehen, was es mit dem ‘digitalen Vergehen‘ auf sich hat.“ SMS an Lisa:
P.hat rizz#er ist fine wg. sa#na, lowkey nervös?#wird lit#denk dran yolo#F.will auch safe#klingt sus. cu – bf4l T.
„Und was bedeutet das in echter Sprache?“ „Du meinst in Sprech-Sprache?“ „Bingo, falls du das überhaupt noch beherrschst.“ „Das heißt ganz einfach:
P (Paul) hat Charme und ist süß. Er hat zugesagt für Samstag. Ehrlich, bist du schon nervös? Es wird super werden. Denk daran: you only live once. F (Fabian) will auch auf jeden Fall kommen. Klingt aber nicht sehr glaubwürdig. Bis bald (phonetisch für see you) – best friends for life; Tilda.
Hätte ich das so lang geschrieben, könnte sich unser Lehrer zu Recht aufregen.“

Der Slang junger Leute:
„Wir hatten früher auch Jugendwörter wie affengeil, Anstandswauwau oder verstrahlt. Sogar die Generation deiner Oma benutzte zum Beispiel schon die Vokabeln Feuerstuhl, letzter Heuler oder Lulle. Da wurde aber noch in ganzen Sätzen gesprochen und die Begriffe erklärten sich zumeist von selbst. Wobei die Betonung auf gesprochen liegt, weil es SMS und soziale Medien noch nicht gab. Wir haben manchmal mit Freundinnen zusammen telefoniert, wenn es um Hausaufgaben oder Verabredungen ging. Ansonsten haben wir uns persönlich getroffen und miteinander geredet.“ „So, Mama. Jetzt erklär du mir erst mal den Jugendslang früherer Jahrzehnte.“ „Wie du meinst:
affengeil = überschwängliches Lob
Anstandswauwau = Moralapostel, begleitender Aufpasser
verstrahlt = völlig hohl im Kopf (sehr negativ gemeint)
Feuerstuhl = Motorrad
letzter Heuler = total angesagt
Lulle = Zigarette.“
„Aha.“
Sprache im Wandel der Zeit:
„Übrigens, zur Verbesserung des artikulierten Gedankenaustauschs soll Lesen ziemlich hilfreich sein. Zumindest wenn es sich um richtige Literatur handelt und nicht um irgendwelche Chats und Tweets auf Instagram, TikTok und Co. Das könnte dir auch nicht schaden.“ „Meinst du die Lektüre von Goethes Faust ist besser als das englische Essay über moderne Literatur auf YouTube?“ „Wow, ich bin beeindruckt, dass meine Tochter auch außerhalb der Schule noch etwas für ihre Bildung tut.“ „Mama, ich weiß nicht, was du mir sagen willst. Schließlich beschwerst du dich doch oft genug, dass ich den größten Teil meiner Freizeit mit Lisa verbringe, wenn sie nicht gerade krank ist. Da spielen wir nicht nur Computerspiele oder schauen uns angesagte Videos an. Nein, in erster Linie quatschen wir über Gott und die Welt. Und vergiss nicht die Theater-AG. Wahrscheinlich bekomme ich im neuen Stück die Hauptrolle. Da muss ich zwangsläufig viel reden.“
Alles hat zwei Seiten:
„Du hast ja recht. Manchmal sehe ich nur die negativen Seiten eurer Generation. Besonders, wenn es um den Umgang mit sozialen Medien geht. Zum Beispiel die ganzen Challenges auf TikTok. Diese Herausforderungen sind doch wirklich das Allerletzte. Und dann die ganzen Influencerinnen, die allen jungen Mädchen erklären wollen, was sie zu tun und zu lassen haben. Kleidung, Kosmetik, Figur und Ernährung, um ganz dünn zu werden, nichts bleibt unkommentiert. Aber anscheinend muss ich mir deinetwegen wohl doch keine Sorgen machen.“ „Sieh an, sieh an Mama, du kennst dich ja offensichtlich bestens mit all dem aus. Man könnte meinen, du bist auch heimlich in diesen Medien unterwegs.“ „Nun, ich muss ja mitreden können und dazu muss ich mich selbst schlau machen. Und ja, ich schreibe auch viele E-Mails, damit sich die Empfänger telefonisch melden können, wenn es ihnen zeitlich am besten passt.“ „Also schön Mama, gut, dass wir mal darüber geredet haben. Und wenn du irgendetwas von uns Teenagern nicht verstehst, ich erkläre es dir gerne.“ „Einverstanden, aber im Unterricht bist du künftig nur noch digital unterwegs, wenn es zum Thema gehört und nicht für private Zwecke!“ „Jaaa.“
Es gibt also noch Hoffnung für die heutige junge Generation und es geht sicher nicht alles den Bach runter, auch wenn es sich manchmal so anfühlt.
Quellen und weiterführende Links:
https://www.allesprachen.at/blog/jugendsprache/
https://felixbehm.de/jugendsprache/
https://www.mrjugendarbeit.com/jugendsprache-woerterbuch-slang/