Mein Kumpel, der Populist

von Peter Schallock

„Das muss ich mir doch jetzt wirklich nicht anhören! “. Zuhören kann ganz schön anstrengend sein, und manchmal verspüre ich den spontanen Drang, dem Anderen ganz schnell den Rücken zuzukehren. Weglaufen funktioniert aber nicht immer; besonders dann, wenn schwer Erträgliches von einem guten Bekannten oder Verwandten kommt.

„Wir schaffen das nicht! Aber die schaffen uns!“ Erik, so soll er hier heißen, meint natürlich unsere ehemalige Kanzlerin, Angela Merkel, und ihr berühmtes Zitat. Das hat bekanntlich schon für einige Aufregung gesorgt, so auch jetzt. Mein Kumpel wirkt mittlerweile reichlich erregt. Wir sitzen in einem gut besuchten Café im Einkaufszentrum am Rande der Stadt. Eriks Ansprache ist natürlich nicht unbemerkt geblieben. Am Nachbartisch sitzt eine Frau mittleren Alter, sie grinst und nickt zustimmend.

Unsere belanglose Plauderei mündete in eine hitzige Diskussion, die jetzt endgültig in einer Sackgasse gelandet ist. Erik weiß, dass ich seine Meinung nicht teile, aber er vertritt sie mit unerbittlicher Vehemenz. Ist ja auch einerseits sein gutes Recht. Andererseits ist mir die ganze Situation schon ein wenig peinlich, Eriks Meinung natürlich inbegriffen.

Da fällt mir nicht viel ein

Erik ist eigentlich ein ganz guter Kumpel. Wir waren eine Zeit lang Kollegen, verloren uns vorübergehend aus den Augen, als es ihn zum Abschluss seiner Berufstätigkeit in eine andere Stadt verschlug. Jetzt ist er Rentner und wieder zurück, wollte hier eigentlich bis ans Ende seiner Tage bleiben. Aber daraus wird nichts, soviel sei schon verraten. Die Stadt habe „ihre Seele“ verloren, meint er irgendwann. Und damit sind wir wieder beim ursprünglichen Thema.

In früheren Zeiten sprachen wir kaum über Politik und nie gab es viel Palaver. Hat er sich verändert, oder bin ich vielleicht empfindlicher geworden? 

Was also tun? Weglaufen, nur wenn jemand mal eine andere Meinung vertritt, kann ja keine Lösung sein. Einen handfesten Streit riskieren? Mir fällt da nicht viel ein, außer vielleicht sachte das Thema zu wechseln. Falls das überhaupt noch funktioniert.

Altersmilde? Von wegen!

So kann das in diesen Tagen ganz schnell passieren. Sie treffen einen Menschen, mit dem Sie sich nett unterhalten. Bis, ja bis Sie ein Thema ansprechen, bei dem Ihr Gegenüber eine völlig andere Meinung hat, die Sie überhaupt nicht mögen. Das war es dann mit dem mit dem netten Gespräch.

Wir Alten sind da übrigens keine Ausnahme. Irgendwo habe ich zwar mal den Begriff Altersmilde aufgeschnappt: Mit den Jahren würden wir angeblich gelassener und entspannter, ließen uns nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. Das scheint aber nicht immer so zu sein. Man nehme zwei prominente Beispiele:  Oskar Lafontaine und Alexander Gauland. Der Eine war mal Idol einer idealistischen Jugend, der Andere ein feinsinniger Konservativer. Und heute? Von wegen mild: Ich erlebe beide als zornige alte Männer, als Griesgrame, mit ausgeprägtem Altersstarrsinn und Neigung zur Radikalität.

Verwandte sind auch nicht immer besser

In diesen Tagen ist viel von der „Spaltung der Gesellschaft die Rede“ . Sie ist, so glaube ich, längst nicht mehr nur irgendeine Theorie, die in Talk-Shows oder Politikerreden stattfindet, sondern traurige Realität. Und manchmal findet sie in der eigenen Familie statt.

Einige Experten glauben, die Corona-Pandemie sei ein Auslöser gewesen. Manche hätten die Schutzmaßnahmen als unnötige Bevormundung und völlig übertrieben empfunden. Ich weiß, wovon ich rede: Verwandte von mir behaupteten damals, Corona sei doch eigentlich auch nur eine Erkältung. Und das, obwohl  ein guter Bekannter zuvor an an den Folgen einer Corona-Infektion verstorben war. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Nachricht über den gewaltsamen Tod eines Tankstellenbeschäftigten. Der wagte es doch tatsächlich, einen Kunden zu bitten, eine Maske aufzusetzen. „Red‘ mich bloß nicht falsch an!“ Denn das kann, wie man sieht, lebensgefährlich enden.

Bild von azmeyart (Freie Lizenz Pixabay)

Woher kommt sie, die Lust auf Streit, die zunehmende Unversöhnlichkeit, Feindlichkeit, ja Verrohung im Umgang miteinander? Ich glaube allerdings, dass das alles schon vor Corona anfing. Werte wie Gemeinsinn, Solidarität oder Miteinander sind seit Jahren auf dem absteigenden Ast, taugen höchstens noch für den Vereinsabend. Misstrauische wittern ganz schnell Bevormundung und DDR-Zustände. Jeder ist sich nur noch selbst der Nächste. Und die Anderen sind sowieso immer schuld. Besonders dann, wenn es einem selbst schlecht geht.

Letzteres ist aber keine Voraussetzung für permanente schlechte Laune. Eine andere Verwandte ist jetzt in ein Seniorenheim gezogen, und, manche mag das überraschen, sie fühlt sich dort pudelwohl.  Was sie natürlich nicht davon abhält, im nächsten Satz darüber zu klagen, wie schlimm in unserem Land doch alles geworden sei.

Einfach mal….

Politik mag eine wichtige Rolle spielen, aber manchmal ist einfach nur das Leben schuld. Es gibt viele gute und weniger gute Gründe, sich zu streiten, und es scheinen ständig mehr zu werden Selbst eine Freundin, die mir immer als unerschütterliche Frohnatur vorkam, klingt jetzt manchmal unerbittlich. Mit Spuren von Verdrossenheit redet sie schon mal davon, keine Kompromisse mehr zu machen. Und klingt in unseren gelegentlichen Diskussionen über Gott, die Welt und was es sonst noch so gibt, neuerdings erstaunlich dünnhäutig. Sie „sei halt so“. Na dann ist ja alles klar, und jedes Weiterreden sowieso zwecklos.

Natürlich gab es das schon immer, aus unterschiedlichsten Gründen, wenn auch eher im Privaten und nicht als gesellschaftliches Phänomen. Vielleicht kennen Sie auch die ältere Dame, die sich nach dem Ende einer freudlosen Ehe von niemandem mehr etwas sagen lassen will. Und in ihrer Kompromisslosigkeit dabei schon mal Freund genauso wie Feind brüskiert. Oder den knurrigen alten Mann, der im Ruhestand nichts mit sich anzufangen weiß – und mit seinen Mitmenschen noch weniger.

Sicher, jeder hat mal Momente, in dem einem mal besonders schnell die berühmte Hutschnur reißt. Zugegeben: Manchmal kann ich das ganze Geschwätz über Dieses oder Jenes auch nicht mehr ertragen. Dann wünsche ich mir, in Abwandlung einer beliebten Politikerphrase, der Andere möge doch „einfach mal… ..die Klappe halten“!.

Miteinander reden

Aber zurück zu Erik. Mit dem hatte ich noch die eine oder andere Diskussion, und irgendwie einigten wir uns darauf, unterschiedlicher Meinung zu sein. Das geht schon, damit kann ich leben. Psychologen wie Politiker fordern, man dürfe Leute mit entgegengesetzten Ansichten nicht brüskieren, müsse sich vielmehr sachlich mit ihnen auseinandersetzen, inhaltlich sozusagen. Das hab‘ ich getan, oder genauer gesagt, versucht.

Wer glaubt, im Recht zu sein, wird natürlich nicht so leicht an seinen Ansichten zweifeln. Mit geht es übrigens genauso. Das muss der Andere dann eben aushalten. Da ist sie, der Weisheit letzter Schluss, zum täglichen Gebrauch gedacht.

Manchmal überholt einen die Aktualität und drängt einen, dem eigentlich schon abgeschlossenen Text noch ein paar Sätze anzufügen. Jüngst wurde in Baden-Württemberg gewählt. Mit überraschendem Ausgang: Der Favorit der CDU kam nur als zweiter ins Ziel: Vor acht Jahren hatte er ein paar schlüpfrige Bemerkungen über ein junges Mädchen gemacht. Ein junge Frau aus den Reihen der gegnerischen Grünen bekam davon Wind und brachte das mindestens halb-anzügliche Zeugs in die Öffentlichkeit – was von der Verliererpartei prompt als Schmutzkampagne bezeichnet  wurde.  Und was der jungen Grünen jede Menge Hasskommentare einbrachte. Wie Du mir, so ich Dir, sozusagen. So reden sie also miteinander, die Damen und Herren Volksvertreter, von derem Anhang ganz zu schweigen.

War es das, was alle Welt damit meinte, man müsse mehr miteinander reden?

Na dann: Willkommen in der neuen Normalität.